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Aus der Luft und zu Fuß (49)

Pfäffingen

10.10.2018

Von Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Die Michaelskirche in Pfäffingen ist angeblich die schönste Kirche im ganzen Ammertal. Ursprünglich stand sie nördlich der Ammer. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts hatten die Pfäffinger die ständigen Überschwemmungen durch die Ammer so satt, dass sie 1711 Kirche, Friedhof und Schule auf die hochwasserfreie Südseite des Ortes verlegten: Immerhin standen Wasser und Schlamm manchmal drei Fuß hoch in der Kirche. Pfarrer Lorentz Schweitzer predigte sich durch die Nachbarorte, sammelte die Kollekte ein und erwarb so die finanziellen Mittel für einen Neubau. Die alte Kirche wurde abgerissen und diente als Steinbruch für die neue, barocke Saalkirche im Tal, die deshalb gotische Fenster hat: sparsame Schwaben mauerten einfach die alten Kirchenfenster ein. Der Tübinger Kunstmaler Johann Emanuel Schleich schmückte den Chorraum mit überlebensgroßen Apostelfiguren. Die Gemälde wurden von Sponsoren bezahlt, die dafür das Recht bekamen, sich namentlich unter den Bildnissen zu verewigen.

Noch aus der alten Kirche stammen die Renaissance-Grabmale der Herren von Gültlingen, die üblicherweise dem Herzog von Württemberg, der das Patronatsrecht besaß, die einzustellenden Pfarrer vorschlugen. Im 17. Jahrhundert war das ein besonders couragierter Geistlicher namens Jeremias Neuheller: Er traute sich, den Stiftsrepetenten und angehenden Pfarrer Carl Bardili mit dessen Freundin Regina Burckhardt zu trauen. Regina hatte bereits ein uneheliches Kind von einem anderen Mann und war schon wieder schwanger – und damit auf dem bürgerlich-protestantischen Heiratsmarkt eigentlich unvermittelbar. Es gab einen Riesenskandal, Neuheller bekam ein Disziplinarverfahren angehängt und Bardili flog in hohem Bogen von der theologischen Fakultät. Aber nachdem das Paar einfach die nächste Sau abgewartet hatte, die durch das Tübinger Universitätsdorf getrieben wurde, machte Bardili als Leibarzt des Herzogs und Kanzler der Universität noch eine schöne Karriere und seine Regina bekam genug Kinder, um von dem Historiker Hansmartin Decker-Hauff den Ehrentitel einer „schwäbischen Geistesmutter“ verliehen zu bekommen: Angeblich stammen sämtliche schwäbischen Geistesgrößen in mehr oder weniger direkter Linie von ihr ab.

Das heutige Rathaus steht an der Stelle eines ehemaligen Schlösschens. 1811 wurde es als Meiereigebäude erbaut, 1828 von der Gemeinde erworben und Ende des 19. Jahrhunderts umgebaut. Bis 1960 war hier auch die Schule untergebracht. 1986 wurde das Haus sorgfältig saniert und bekam einen schön gestalteten Hof mit einem Brunnen, dessen Gänseschar fast schon ein Wahrzeichen Pfäffingens ist.

Vor lauter Gänseliesl-Idylle kann man sich kaum vorstellen, dass Pfäffingen in den 1950er- und 60er-Jahren ausgerechnet durch die dort hergestellten Motorräder der Marke Maico fast Weltberühmtheit besaß. Die Fabrikantenfamilie Maisch hatte ihren Firmensitz von Poltringen nach Pfäffingen verlegt, weil in Pfäffingen ein Haltepunkt der Bahn zwischen Tübingen und Herrenberg war. Um den mit ein wenig Abstand zum Dorf gelegenen Bahnhof entwickelte sich ein zweites, eher gewerblich-industriell geprägtes Zentrum, in dem zeitweise so viele griechische Gastarbeiter arbeiteten, dass die Bahnstation den Spitznamen „Saloniki Hauptbahnhof“ erhielt. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

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Erstellt:
10. Oktober 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Oktober 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2018, 01:00 Uhr

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