Erste Liebe rostet nicht

Die Potsdamer Band Keimzeit stellt ihr neues Album vor

27.04.2022

Leadsänger von Keimzeit: Norbert Leisegang. Bild: Jürgen Spieß

Leadsänger von Keimzeit: Norbert Leisegang. Bild: Jürgen Spieß

Leichtfüßig, rockig, nachdenklich und melancholisch wie in ihren besten Zeiten: Die Gruppe „Keimzeit“ aus Potsdam blickt auf 40 Jahre Bandgeschichte zurück. Zur Feier des Jubiläums gibt es mit „Kein Fiasko“ ein neues Album und eine ausgiebige Tournee, die sie am 29. April auch ins Tübinger Sudhaus führt.

Nach zwei Jahren Corona-Pause und vielen abgesagten Konzerten stehen sie endlich wieder auf der Bühne, die sechs Potsdamer Jungs. Ganz ohne Pomp und Showgehabe. Keimzeit machen seit Jahren kein besonderes Aufhebens um sich. Sie wissen, dass sie eine der besten Bands aus dem östlichen Teil Deutschlands sind – und auch eine der verlässlichsten. Gerade haben sie mit „Kein Fiasko“ ihr 22. Album veröffentlicht. Es ist so gut wie fast jedes.

Und wieder fügt sich ihr neues Material mühelos ein in das Gesamtwerk, das auch nach 40 Bandjahren noch keinen Rückzug ins Private genommen hat oder Spuren von Überdruss entdecken lässt. Die Musik der neuen alten Keimzeit ist unverbraucht und lausbubencharmant wie in besten Zeiten. Sie lassen nicht locker, ohne je angespannt zu klingen. Leadsänger Norbert Leisegang schmeißt mit Lebensweisheiten um sich, mit plakativen Fassaden, die er mit Melodien schmückt und mit seiner eindringlichen, manchmal an Rio Reiser erinnernden Stimme: „Paul, nimm den Druck raus ...“, hört man ihn singen, die Gitarre geht dazu schwer in die Knie, „langweilig wird die Liebe, wenn sie sicher ist“.

Dass es mit dem Diskursrock nicht so einfach ist, muss man ihm nicht erklären. Das aber ist kein Grund, seine Haltung zu verlieren oder seine eigene Kontur zu verwischen. Und wieder geht das Hand in Hand mit einem fast schon unheimlichen Gespür zum hymnischen Song. Die Lieder von Keimzeit haben meist eine eingängige Melodie, einen poetischen Text und gleichzeitig sind sie durchdrungen von diesem rumpelnden, groovenden Rock, der noch jeden Keimzeit-Song gekennzeichnet hat. Wenn dann Norbert Leisegang das Mikro zum Mund führt, zeigt die Band, dass fast jedes Lied, egal ob jung oder alt, zum Mitsingen taugt. Vielleicht animiert das die sechs Potsdamer, auf ihrem neuen Album noch hymnischer zu spielen als sonst.

Keimzeit gingen 1982 im brandenburgischen Lütte bei Belzig mit Norbert (Gesang/Gitarre), Roland (Schlagzeug), Hartmut (Bass) und Marion Leisegang, aus der Familienband Jogger hervor und erspielten sich im Laufe der 80er-Jahre mit typischem Bluesrock und oftmals poetischen Texten abseits vom staatlich gelenkten Musikgeschäft der DDR eine treue Fangemeinde. Zunächst beschränkte sich ihr Erfolg auf Ost-Deutschland, doch nach der Wende erlangte die Formation auch in den alten Bundesländern größere Bekanntheit, etwa 1993 mit dem Hit „Kling Klang“. In den 90er-Jahren erlebte die Band geradezu musikalische Quantensprünge und setzte zunehmend auf leichtfüßige, zeitgemäße Rockklänge.

Ohne Zweifel, Keimzeit sind mehr als eine x-beliebige Rockband. Natürlich arbeiten auch sie mit Bezügen noch und nöcher, musikalisch wie textlich. Sie treiben es sogar auf die Spitze, erreichen eine atemberaubende Zahl an Bezügen pro Minute. Das erinnert bisweilen an den „Scherben“-Sänger Rio Reiser in seinen jungen Jahren oder auch an Tomte-Sänger Thees Uhlmann. Es sind gar nicht so sehr die ostdeutschen Bands der frühen 80er-Jahre, an die Keimzeit anschließen. Die intellektuelle Unterfütterung ihrer zugleich so genial einfachen Texte scheint eher in einer Verwandtschaft zum Diskurspop Hamburger Machart zu stehen, der das Zeitzeichen der 90er-Jahre gewesen ist.

Keimzeit, so scheint es, haben alle Posen abgelegt, alles Musikfremde abgestreift und freien Blick auf den Kern ihrer Songs. Das macht sie trotz der manchmal sehr dick aufgetragenen Harmoniebedürftigkeit unwiderstehlich. Jürgen Spieß

Keimzeit spielen am Freitag, 29. April, 20 Uhr, im Sudhaus.