Sexualisierte Gewalt

Die erste Breitensportstudie liegt nun vor

Nach dem Abschluss der umfangreichen Datenerhebung von fast 4400 befragten Vereinsmitgliedern liegen nun konkrete Zwischenergebnisse vor.

17.11.2021

Sexualisierte Grenzverletzungen gibt es auch im Sport. Bild: ©motortion - stock.adobe.com

Bei dem im August 2020 begonnenen und bundesweit ersten Breitensport-Forschungsprojekt „SicherImSport“, gefördert vom Landessportbund NRW und unter Beteiligung des Landessportverbandes Baden-Württemberg (LSVBW) und der drei Sportbünde (Badischer Sportbund Freiburg, Badischer Sportbund Nord, Württembergischer Landessportbund) sowie weiterer neun Landessportbünden, gibt es nun Ergebnisse.

„Die Befunde unserer Online-Studie bestätigen, dass sexualisierte Grenzverletzungen, Belästigung und Gewalt auch im Vereinssport vorkommen. Deshalb sind der Ausbau von Maßnahmen zum Schutz vor Belästigung und Gewalt sowie Anlaufstellen und Unterstützungsangebote für Betroffene im Sport wichtig.

Dies hat ein großer Teil der Sportverbände erkannt und Maßnahmen zur Prävention eingeführt“, betonen Bettina Rulofs (Bergische Universität Wuppertal) sowie Marc Allroggen und Thea Rau (Universitätsklinikum Ulm) als wissenschaftliche Projektleitung. Nach den Aufsehen erregenden Ergebnissen der „Safe Sport“-Studie zum Leistungssport aus dem Jahr 2016 werten die Forscher nun erstmals Daten ausschließlich zum Breitensport aus. „Dieser Schritt ist überfällig, damit wir die bereits etablierten Präventions- und Interventionskonzepte weiter entwickeln können“, sagt LSVBW-Präsidentin Elvira Menzer-Haasis.

So gab die Mehrheit der Befragten zwar an, mit dem Vereinssport insgesamt „allgemein gute bis sehr gute Erfahrungen“ gemacht zu haben, doch etwa ein Viertel der Vereinsmitglieder (rund 26 Prozent) erfuhr mindestens einmal sexualisierte Grenzverletzungen oder Belästigungen (ohne Körperkontakt) im Kontext des Vereinssports, beispielsweise in Form von anzüglichen Bemerkungen oder unerwünschten Text-/Bildnachrichten mit sexuellen Inhalten.

Bei rund 19 Prozent kam mindestens einmal sexualisierte Belästigung oder Gewalt mit Körperkontakt vor. Auch erwähnenswert: Je höher das sportliche Leistungsniveau, desto größer offenbar das Risiko, von Belästigung oder Gewalt betroffen zu sein. So berichten gleich 84 Prozent der Befragten, die auf internationaler Ebene im Leistungssport aktiv waren, von mindestens einer Erfahrung von Belästigung oder Gewalt.

In einer weiteren Teilstudie äußerten sich über 300 Sportorganisationen (92 Sportkreise sowie 215 Fachverbände in fünf Bundesländern) zum Stand der Prävention und Intervention innerhalb der eigenen Strukturen. Dabei gaben 63 Prozent der Sportkreise und 56 Prozent der Fachverbände an, über fundierte Kenntnisse zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt zu verfügen. Allgemeine Präventionsmaßnahmen wie etwa die Benennung von Ansprechpersonen, Durchführung von Schulungsmaßnahmen oder Einsicht von Führungszeugnissen sind demnach weit verbreitet.

„Trotz aller Bemühungen und umfassenden Konsequenzen, die in der Vergangenheit bereits gezogen wurden, ist das Ergebnis der Studie erschütternd“, sagt Menzer-Haasis. Die LSVBW-Präsidentin wirbt eindringlich dafür, dieses sensible Thema bei Sportvereinen und -verbänden weiter präventiv aufzugreifen.

Neben Beratungen finden zahlreiche Sensibilisierungen beziehungsweise Qualifizierungsmaßnahmen im Freizeit- und Breitensport vor Ort statt. Die jährlich steigende Nachfrage zeigt, dass die Prävention vor sexualisierter Gewalt an der Basis sehr ernst genommen wird.

Die Ergebnisse der Studie „SicherimSport“ nimmt LSVBW-Präsidentin Menzer-Haasis als Auftrag weiter an diesem Thema zu arbeiten: „Der Prävention der sexualisierten Gewalt ist noch nicht genüge getan, weshalb die bestehenden Maßnahmen weiter ausgebaut werden müssen. Der Sport muss ein sicherer Ort für alle sein.“ Die Studie endet 2022. Werner Bauknecht

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Erstellt:
17. November 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
17. November 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 17. November 2021, 01:00 Uhr

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