Sängerin mit Eigensinn

Dota Kehr widmet sich auf ihrem neuen Album der Dichterin Mascha Kaléko

Sie hat die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden: Nachdem Dota Kehr auf ihrem letzten Album die großen Themen Umwelt, Migration und Gerechtigkeit behandelt hat, macht sie sich auf ihrer neuen Scheibe die Poesie von Mascha Kaléko musikalisch zu Eigen.

05.08.2020

Feine Klänge und Gesänge kann sie: Dota Kehr.Bild: Jürgen Spieß

Wer zum Teufel ist Mascha Kaléko? Die deutschsprachige Dichterin, 1907 im galizischen Österreich-Ungarn geboren, hat sich im heiter-melancholischen Ton oft der Lebenswelt der kleinen Leute zugewandt. Sie war eine Schwester im Geiste von Joachim Ringelnatz und Erich Kästner und schuf ihre innige, bisweilen ironische Großstadtlyrik in den 1920er- und 30er-Jahren in Berlin, bevor sie 1938 als deutsche Jüdin nach New York emigrieren musste. Der zeitlosen Strahlkraft von Mascha Kalékos Dichtkunst hat Dota Kehr nun ihr neuestes Album gewidmet und wird diese Songs neben älterem Material auf der Sudhaus-Waldbühne vorstellen.

Wie einst Mascha Kaléko lebt auch Dota Kehr, mittlerweile 40 Jahre alt, in Berlin, und wie der jüdischen Dichterin sagt man ihr einen großen Eigensinn nach, der sich auch bei ihren Liedern zeigt. Es sind sehr einfühlsam bebilderte Beobachtungen einer Schicht unserer Gesellschaft, die sich nicht abfinden will mit dem flächendeckenden Sieg des Kapitalismus und nach Auswegen sucht, womöglich doch noch ein richtiges Leben im falschen bewerkstelligen zu können. Was Dota Kehrs Songs besonders macht, ist ihr fein nuancierter Blick auf die Sollbruchstellen eines solchen Lebensentwurfes.

Parolen, sagt sie, kommen ihr aber nicht über die Lippen. Wozu auch, wenn sie in ihren Liedern so souverän die bisweilen naiven Träume von einer gerechteren Weltordnung mit den real existierenden Widersprüchen kontrastiert. Ihre Musikkarriere begann Dota als Straßenmusikerin. Daher auch ihr Beiname „Die Kleingeldprinzessin“, den sie 2013 wieder abgelegt hat, weil „das so nach Kindertheater klingt“. Während dieser Zeit entwickelte sich auch ihr gut geschultes Selbstbewusstsein, sich hinzustellen und zu sagen: „So, das ist mein Lied, das lernt man auf der Straße“.

Schon damals, als der Name Kleingeldprinzessin noch Sinn machte, erspielte sie sich mit den Stadtpiraten bereits einen Ruf als mutmaßlich einzige Band dieses Landes, die Bossa Nova mit deutschen Texten kombinieren konnte, ohne dass man beim Zuhören vor Scham im Erdboden versank. Ihre Liebe zu südamerikanischer Musik stammte noch aus ihrer Kindheit: Ein tragisch verunglückter Babysitter der Familie Kehr, ein Brasilianer namens Carlos, hatte eine Kassette hinterlassen, „Elis Regina singt Tom Jobim“. Die konnte die kleine Dorothea auswendig mitsingen, ohne ein Wort Portugiesisch zu sprechen. Später hat sie eine Zeit lang in Brasilien und Ecuador gelebt.

Nach Umbesetzungen in der Band ist der Bossa auf dem neuen Album zwar kaum noch zu hören, doch einen sanft dahinschlendernden Rhythmus können auch diese Stadtpiraten. Den schmücken sie dann aus mit ein bisschen Folkrock und Jazz in dezenten Dosierungen und mit dem einen oder anderen lateinamerikanischen Farbton. Das ist wenig spektakulär, aber gerade in seiner Unaufgeregtheit ziemlich einzigartig hierzulande.

Wie in ihren Anfangszeiten berichten Dota und ihre Mitmusiker noch immer aus dem Bauch und spielen für ein gewisses linkes Polit-Milieu, aus dem immer wieder Vereinnahmungsversuche gestartet wurden: SPD, Grüne oder Linke fragten regelmäßig an, ob Dota nicht mal eine Parteiveranstaltung beschallen möchte. Solche Ansinnen lehnt die Sängerin jedoch kategorisch ab, und auch mit den beständig wiederkehrenden Bitten, man möge doch auf der Bühne mal eben dieses politische Bekenntnis abgeben oder einen Demo-Termin ansagen, hat sie ihre Probleme.

Was nicht bedeutet, dass Dota Kehr keine Benefiz- und Solidaritäts-Konzerte spielt. „Denn damit ist das Statement gemacht“, sagt die zweifache Mutter und studierte Medizinerin, „da muss man nicht noch durchs Mikro sagen: Grenzen sollten nicht aus Stacheldraht sein, sondern aus Respekt!“Jürgen Spieß

Dota und die Stadtpiraten spielen am Freitag, 28. August, ab 20 Uhr, auf der Waldbühne des Sudhauses (Hechinger Straße 203).

Zum Artikel

Erstellt:
5. August 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. August 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. August 2020, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.