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Aus der Luft und zu Fuß (21)

Dußlingen

Die ältesten Dußlinger waren reiche Leute: Sie gaben einem ihrer Chefs, der vor etwa 2500 Jahren das Zeitliche segnete, ein Armband und einen Halsreif aus reinem Gold mit auf den Weg in die Ewigkeit.

14.03.2018

Von Andrea Bachmann

Bilder: Erich Sommer

Die Römer dann schätzten die schöne Aussicht, wie der Flurname Aspen verrät. Nach den Römern kamen die Alemannen, die dem Ort seinen Namen gaben. Das war ungefähr im 6. Jahrhundert und um 1100 tauchen dann die Herren von Dußlingen auf, die im Dienst der Pfalzgrafen von Tübingen standen. Im 13. Jahrhundert bauten sie sich eine Burg – die wehrhaften staufischen Buckelquader am Dußlinger Schloss müssen mächtig Eindruck gemacht haben.

Bis weit ins 15. Jahrhundert verfügten die Herter von Dußlingen, wie sich die Ortsherren nannten, über eine ansehnliche Ritterherrschaft im Steinlachtal und darüber hinaus. Mit dem Aufstieg der Grafen von Württemberg wurde der niedere Ortsadel immer mehr an den Rand gedrängt und verarmte zusehends. Der ein oder andere versuchte, dieses Problem auf wenig ritterliche Weise zu lösen: 1392 überfiel Friedrich Herter auf der Straße eine Gruppe Rottenburger Kaufleute und sperrte sie auf seiner Burg ein, um Lösegeld zu erpressen. Schließlich verkauften sie den größten Teil ihrer Besitzungen an die Grafen von Württemberg und traten in deren Dienste ein.

1615 war das Domizil der Herter von Dußlingen, wie sich die Ortsherren nannten, in einem erbärmlichen Zustand, Balken und Gemäuer faulten und schimmelten vor sich hin. Gut hundert Jahre später kaufte die Gemeinde das Gebäude und baute es zum Rathaus um – weswegen die Dußlinger aufs Schloss gingen, wenn sie aufs Amt wollten. Seit 1949 wird in dem herrschaftlichen Anwesen wieder gewohnt.

Die Ortsherren besaßen auch die Kirchenhoheit. Die Peterskirche wurde zwischen 1501 und 1508 gebaut. Im Chorraum kann man hier sogar dem Teufel begegnen, der auf einem der Schlusssteine im Netzgewölbe abgebildet ist.

Die rauen Sitten der Ortsherrschaft – angeblich drohte man aufsässigen Kindern sogar mit ihnen: „Wenn du nicht brav bist, holt dich der Herter!“ – scheinen auf die Dorfbevölkerung abgefärbt zu haben, die immer wieder von Augenzeugen als roh und unhöflich beschrieben werden. Um 1800 riet der Nehrener Pfarrer seinen Schäfchen sogar davon ab, ihre Töchter als Dienstmägde nach Dußlingen zu geben, weil das Leben dort auf „die Sitten der Töchter nachteilig wirkte“. Eigentlich kaum zu glauben, wenn man sich die Bilder von den Dußlinger Mädchen aus dieser Zeit anschaut. Deren Sonntagshäs war so prachtvoll und hübsch anzusehen, dass es zur Württemberger Tracht schlechthin ausgerufen wurde – zum Beispiel in Bildbänden über Volkstrachten.

Ob die Mädchen bei der harten Arbeit auf den Feldern oder am Webstuhl tatsächlich eine blütenweiße Schürze und einen Schappel, einen riesigen Kopfputz aus Glasperlen, getragen haben, darf allerdings bezweifelt werden. Wenn sie sich diesen Schappel überhaupt leisten konnten – Dußlingen zählte aus vielen unterschiedlichen Gründen zu einer der ärmsten Gemeinden im Steinlachtal, 1790 sollen 97 Prozent aller Bürger verschuldet gewesen sein. Wer nicht als Tagelöhner oder in der Tuchherstellung seinen Lebensunterhalt verdiente, zog deshalb mit einer Hausiererkiepe auf dem Buckel durch das Land und verkaufte Kurz- und Korbwaren oder Fußmatten, die im Gefängnis in Rottenburg hergestellt wurden.

Erst die Industralisierung und vor allem der Eisenbahnanschluss, der 1867 eingerichtet wurde, brachte eine Wende und (bescheidenen) Wohlstand.

Heute versteht sich Dußlingen mit seinen 5800 Einwohnern – Tendenz steigend – als Wohlfühlgemeinde im anmutigen Steinlachtal. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Wer noch mehr über Dußlingen wissen möchte, dem sei wärmstens empfohlen: Wolfgang Sannwald: Dußlingen – ein Heimatbuch in Bildern, Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 2011.

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Erstellt:
14. März 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
14. März 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 14. März 2018, 01:00 Uhr

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