Die Fledermaus an der Nase

Ein Biologe kümmert sich um die Fledermäuse auf dem Hohenurach

29.07.2020

Der Abgang zu den Kasematten auf der Burg Hohenurach – da, wo die Fledermäuse im Winter wohnen. Bild: Gabriele Böhm

Die Sanierung der Burgruine Hohenurach erfolgt in Abstimmung mit den Naturschutzbehörden. Da die Gewölbe auch Überwinterungsquartier für Fledermäuse sind, wurde von Anfang an der Biologe und Fledermausexperte Dr. Alfred Nagel aus Schelklingen-Ingstetten hinzugezogen. Immerhin werden in Baden-Württemberg Bußgelder bis 50 000 Euro fällig, wenn eine Fledermaus gefangen, verletzt oder getötet oder ihre Fortpflanzungs- oder Ruhestätte beschädigt oder zerstört wird.

„Auf dem Hohenurach überwintert die Zwergfledermaus in einem Gewölbe und in den Kasematten“, so der Fachmann. Vereinzelt gebe es dort auch die seltenere Bart- und die Fransenfledermaus. Um ihre Quartiere habe man räumlich und zeitlich „drumherum saniert“, um die Tiere nicht zu stören.

Nagel befasst sich seit den 1970er-Jahren mit Fledermäusen. „Sie haben mich damals interessiert, weil sie so selten waren.“ Das damals eingesetzte hochgiftige Insektizid DDT sowie die Polychlorierten Biphenyle (PCB) waren schuld daran. „Die Populationen waren damit durchseucht. Die Mittel haben sich im Fettgewebe eingelagert und wurde durch Säugen der Jungtiere gleich an die nächste Generation weitergegeben.“ DDT habe auch die Fortpflanzungsfähigkeit eingeschränkt. Seit dem Verbot der Mittel hätten die Fledermauspopulationen zugenommen. Zwergfledermäuse, die häufigste Art, kämen mit den heutigen Verhältnissen und auch mit der Lichtverschmutzung am besten klar.

Ab Oktober gehen die Fledermäuse auf dem Hohenurach in den Winterschlaf. „Körpertemperatur und Stoffwechsel werden heruntergefahren. Die Tiere verbrauchen wenig Energie und ruhen dort über Wochen.“ Fledermäuse seien, wenn es ihnen einmal an einem Ort gefalle, standorttreu und nutzten ihre Quartiere oft über Jahrzehnte. „Durch ihre langen Ruhephasen und den reduzierten Stoffwechsel werden sie sehr alt. Fledermäuse erreichen ein Alter von bis zu 40 Jahren oder mehr“, so der Fachmann.

Zurzeit gebe es auf der Ruine keine Tiere. „Etwa bis zum August sind sie in einem Umkreis von rund 200 Kilometern unterwegs. Nach Sonnenuntergang sind sie auf Insektenjagd, tagsüber ruhen sie sich in Baumhöhlen oder in alten Gebäuden aus.“ In den Sommermonaten fänden es die Fledermäuse in den Burggewölben einfach zu kalt.

Im Sommer kehrten die Tiere auf den Hohenurach zurück, um seine Tauglichkeit als Winterquartier auszuspähen. „Dann ziehen sie aber noch einmal los, um sich Winterspeck anzufressen“, berichtet Alfred Nagel. Der Winterschlaf dauere dann von Ende Oktober bis ins Frühjahr, wenn auch die Jungtiere geboren werden. „Während der Ruhephase hängen die Männchen gerne einzeln. Sie sind sehr territorial und dulden kein anderes männliches Tier in der Nähe.“ Weibchen und Jungtiere dagegen seien gerne auf kuscheliger Tuchfühlung.

Wie viele Tiere auf dem Hohenurach wohnen, lasse sich schwer sagen. „Zwergfledermäuse sind ja nur zwei bis drei Zentimeter lang. Sie sitzen tief in Ritzen und Spalten, so dass immer nur die vorderen Tiere zu erfassen sind.“ Das Gewölbe auf der Ruine ist mit einem Gitter sorgfältig abgesperrt. „Wenn jemand dort Feuer machen würde und der Ruß an den Steinen hängenbleibt, sind die Räume für Jahre unbewohnbar für Fledermäuse“, warnt der Experte.

Über die Jahrzehnte haben die Tiere für Alfred Nagel nichts an Faszination eingebüßt. Und das trotz eines skurrilen Erlebnisses. „In einen Raum mit glatten Wänden hatte sich auch eine Fledermaus verirrt und flatterte umher. Sie wollte Pause machen und fand nichts anderes zum Festhalten als meine Nase.“ Geschimpft, so der Biologe, habe er mit ihr natürlich nicht. Gabriele Böhm

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Erstellt:
29. Juli 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
29. Juli 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 29. Juli 2020, 01:00 Uhr

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