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Ein Gespräch mit dem Russenschelm Wladimir Kaminer
Den Versuch war es wert

Ein Gespräch mit dem Russenschelm Wladimir Kaminer

Autor Wladimir Kaminer ist 1990 von Moskau nach Berlin gekommen – für einen Kurzurlaub. Doch er blieb und lebt seither mit seiner Familie am Prenzlauer Berg. In seinem neuen Programm beschäftigt er sich vor allem mit seiner Frau Olga.

03.01.2018

Wladimir Kaminer (50) ist ein Phänomen. Nicht nur, dass der Erfolgsautor mit dem schelmischen Grinsen immer auf dem Sprung ist, vom Text abzuschweifen und witzige Miniaturstorys zu erzählen. Er versteht es auch zu improvisieren und eine Lesung unvorhersehbar zu gestalten. So wird es auch bei seinem aktuellen Programm „Einige Dinge, die ich über meine Frau weiß“ nicht ausschließlich um Gattin Olga gehen. Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit Kaminer über sein Leben in Deutschland.

TAGBLATT ANZEIGER: Als Sie vor über 27 Jahren nach Deutschland kamen, sprachen Sie kein Wort Deutsch. Wie haben Sie es angestellt, die Sprache so schnell zu lernen und sogar Bücher auf Deutsch zu schreiben?

Wladimir Kaminer: Ich habe einige Zeit gebraucht, bis ich mein erstes Buch geschrieben habe. Im Übrigen finde ich es nicht so kompliziert, eine fremde Sprache zu erlernen. Das ist doch keine schwierige Quantenmechanik, das kann man relativ schnell hinkriegen, vor allem, wenn man in einem Land der Sprache lebt.

Zu Beginn Ihrer Karriere haben Sie viel am Theater gespielt. Wie kamen Sie vom Schauspiel zur Literatur?

Das Theater war in totalitären Staaten wie der damaligen Sowjetunion ein ganz besonderer Ort. Dort versammelten sich die schönsten Frauen und die interessantesten Ideen. In Deutschland wurde ich dann mit einem ganz anderen Alltag konfrontiert. Hier war das Leben viel spannender als die Bühne. Mit der Zeit habe ich festgestellt, dass ich abseits des Theaters viel besser mit den Leuten ins Gespräch kommen kann. Und dieser Austausch wurde mir mit den Jahren immer wichtiger. Außerdem möchte ich der Nachwelt gerne etwas hinterlassen.

Ihr neues Buch handelt viel von Ihrer Frau Olga. Hilft das, um die eigene Frau und Frauen im Allgemeinen besser zu verstehen?

Nein, das nicht, aber den Versuch war es wert. Mir hat es aber trotzdem einiges gebracht, denn indem ich versuchte, das andere Geschlecht besser zu verstehen, wurde ich nachsichtiger und ruhiger.

Unterscheiden sich russische von deutschen Frauen?

Ich kann nur zu russischen Frauen etwas sagen: Sie kleiden sich gerne gut, wollen alles besser machen als es ist und nehmen ihr Leben gerne selbst in die Hand, anstatt auf das Glück zu warten. Aber vermutlich ist das keine Frage der Nationalität, sondern des Charakters.

Was Ihre Lesungen angeht: Sprechen Sie da eher ein russischstämmiges oder deutsches Publikum an?

Auch das ist keine Frage der Herkunft, denn ich teile mein Publikum nicht in Nationalitäten auf. Im Grunde genommen haben die Leute alle die gleiche Geschichte mitgemacht, ob auf der einen oder der anderen Seite der ehemaligen Mauer. Ich sehe schon gewisse Unterschiede, aber für mein Programm ist das irrelevant.

Ihre russischen Landsleute sind dafür bekannt, komplexe Probleme einfach zu lösen. Stimmt das wirklich?

Ich glaube, dass das ein Zeichen unserer Zeit ist: Wenn das Leben zu kompliziert wird, dann neigt man dazu, die Probleme mit einfachen Mitteln zu lösen. Das gab es schon verschiedene Male, sowohl in der deutschen als auch in der russischen Geschichte – und oft ging das in die falsche Richtung. Deshalb bin ich persönlich für komplizierte Lösungen.

Sind Ihre Erzählungen autobiographisch?

Vieles ist nacherzählt und es sind nicht unbedingt alles Geschichten, die ich selbst erlebt habe. Meine Erzählungen basieren überwiegend auf kommunikativem Austausch. Ich fahre durch verschiedene Städte und Länder und komme mit Menschen in Kontakt, die mir ihre Geschichten erzählen, die ich wiederum zu einem literarischen Zeugnis verarbeite.

Hat sich Ihr Bild von den Deutschen verändert?

Ich lerne dieses Land immer besser kennen. Vor Jahren dachte ich bereits, alles über Deutschland und seine Bewohner zu wissen, aber mittlerweile begreife ich, dass noch viel vor mir liegt. Zum Beispiel habe ich noch keine Geschichte über Tübingen oder Reutlingen geschrieben.

Das Gespräch führte Jürgen Spieß /

Bild: Jürgen Spieß

Wladimir Kaminer liest am 9. Januar, 20 Uhr im Reutlinger franz.K.

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03.01.2018, 01:00 Uhr
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