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Ein Gespräch mit der Autorin Yoko Tawada
Yoko Tawada ist in zwei Kulturen verwurzelt.Bild: Jürgen Spieß
In zwei Kulturen

Ein Gespräch mit der Autorin Yoko Tawada

Sie ist ein literarischer Glücksfall für die deutsche Gegenwartsliteratur. Die lange Zeit in Tübingen lebende Japanerin Yoko Tawada bekommt am 18. Januar in Mainz die Carl-Zuckmayer-Medaille verliehen. Ihre bislang 23 Bücher sind ausnahmslos im Tübinger Konkursbuch-Verlag erschienen.

17.01.2018

Yoko Tawada wurde am 23. März 1960 in Tokio geboren und verteilte bereits als Zwölfjährige ihren ersten fotokopierten Romanversuch. Nach der Übersiedelung 1982 nach Hamburg erschien ihr erster Gedicht- und Prosaband 1987 in Deutschland – auf japanisch. Ihr gefeiertes Debüt in deutscher Sprache gab Yoko Tawada 1991 über den Tübinger Konkursbuch-Verlag mit ihrer Erzählung „Wo Europa anfängt“. Die Story schöpft aus Erinnerungen an eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn, die die Schriftstellerin als Neunzehnjährige allein unternommen hatte. Kein gewöhnlicher Reisebericht, sondern eine Summe von Berichten, Märchen und mythologischen Vorstellungen, die das Thema Reisen förmlich durchdekliniert.

Am Ende hört man plötzlich wieder auf den Klang bestimmter Wörter, sieht das, was man schon lange nicht mehr sah mit neuen Augen. Es folgten ein Theaterstück, eine dreijährige Gastprofessur an der Tübinger Universität, Erzählungen – und viele Auszeichnungen, darunter 2016 der Kleist-Preis. Fast alle ihre Texte berühren die Kluft oder aber den Brückenschlag zwischen Ostasien und Deutschland und leben aus dem Augenaufschlag über eine fremd-befremdliche Welt. Nichts ist für die Japanerin in Deutschland selbstverständlich, die Welt ist ihr wie ein Bilderbuch, das sie als Außenstehende interessiert durchblättert. Akribisch tastet das Auge dabei das Sichtbare ab, seziert, analysiert, fokussiert. Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit Yoko Tawada über Japan, Deutschland und deren kulturelle Unterschiede.

TAGBLATT ANZEIGER: Was gefällt Ihnen besonders an Deutschland?

Yoko Tawada: Das Interesse an anderen Kulturen und die Geisteswissenschaften an deutschen Universitäten, speziell in Tübingen. Dort gibt es noch einen öffentlichen Raum, in dem man zweckfrei denken und diskutieren kann.

Was vermissen Sie in Deutschland, was Sie an Ihrer Heimat schätzen?

Respektvolle Umgangsformen mit Mitmenschen in der Öffentlichkeit.

Was würden Sie am liebsten in Ihre Heimat transportieren?

Die Idee der Kulturförderung und das Interesse an kulturellen Themen. Die Einstellung, dass der Staat zum Beispiel Literatur finanziell unterstützt, obwohl sie später keinen wirtschaftlichen Gewinn bringt.

Weshalb schreiben Sie auf Deutsch?

Es muss nicht deutsch sein. Für mich ist es wichtig, dass ich in der Muttersprache und gleichzeitig in einer anderen Sprache schreibe. Dadurch, dass ich in zwei Sprachen denke, entdecke ich ständig schwarze Löcher im Gewebe der Sprachen. Aus diesen sprachlosen Löchern entsteht meine Literatur.

Sehen Sie einen Unterschied in der Rolle der Frau in Deutschland und Japan?

In Japan spielen die meisten Frauen die Rolle einer Mutter, und zwar nicht nur gegenüber ihren Söhnen, sondern auch gegenüber ihrem Ehemann. Die mythische Macht, die der Mutter zugeschrieben wird, gibt der Frau den Heiligenschein, von dem ich nichts halte. Langsam verändert sich diese Situation zum Glück. Es ist aber noch ungewiss, in welche Richtung die Veränderung geht. In Deutschland sind viele Frauen von den traditionell festgeschriebenen Rollen relativ weit befreit. Sie bekommen jedoch für eine andere Rolle noch nicht genug Anerkennung.

Warum spielen in der Literatur so häufig Männer die Hauptrolle?

Weil männliche Autoren meistens nicht fähig sind, weibliche Hauptfiguren zu schaffen. Aber auch das ändert sich langsam.

Das Gespräch führte Jürgen Spieß

Am 8. Juni liest Yoko Tawada beim Verlagsfest zum 40-jährigen Bestehen des Konkursbuch-Verlags in Tübingen.

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17.01.2018, 01:00 Uhr
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