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Die eigenen Wurzeln kennen

Ein internationales Filmteam war zum Drehen in Tübingen

27.06.2018

Der Spielfilm „Zweite Halbzeit“ erzählt die Geschichte der 25-jährigen Zwillinge Ana und Carl, die in São Paulo leben. Nach dem Tod ihres Vaters Helmut, entschließen sich die beiden zu einer Reise nach Deutschland, um den Wurzeln des Vaters nachzugehen. In Tübingen, der Heimatstadt von Helmut, freundet sich Ana mit Sabine an. Sabine hilft Ana auf der Spurensuche nach der jüdischen Vergangenheit ihres verstorbenen Vaters. Letztlich lässt sich seine Geschichte zwar nicht genau rekonstruieren, und doch ist die Suche danach nicht sinnlos. Die Herkunftsgeschichte generiert einen Teil der persönlichen Identität. Identität und Identitätsfindung ist das Kernthema dieses höchst aktuellen Roadmovies, der in São Paulo, Frankfurt und Tübingen spielt.

Der TAGBLATT ANZEIGER war am 17. Juni beim Dreh am Lustnauer Bolzplatz in der Neuhaldenstraße dabei. Die Stimmung am Set transportierte auf anschauliche Weise den Inhalt des Films. Ein multikulturelles Team arbeitete höchst konzentriert und zugleich mit viel Humor und Lockerheit. Die Zuneigung und der respektvolle Umgang zwischen allen Beteiligten war deutlich spürbar – Menschen, Künstler, die an einem Strang zogen, um eine gemeinsame Vision zu verwirklichen. Alle Szenen sind im Kasten, jetzt folgt der Schnitt. Wenn die Postproduktion optimal läuft, könnte „Zweite Halbzeit“ schon nächstes Frühjahr zu sehen sein, verrät Julia Wagner die ausführende Produzentin des deutschen Teils der Dreharbeiten, betont jedoch, dass die Fertigstellung außerhalb ihrer Verantwortung liegt.

Ihre noch junge Firma, die Heartwake Films GmbH, möchte sich international aufstellen und da kam dieses Projekt gerade recht. Nachdem das „charmante Drehbuch“ bereits überzeugt hatte, habe sich auf einer Motivtour mit dem Regisseur gezeigt, dass man sich gut versteht, und eine gemeinsame Vision für diesen Film teilt. Es habe Unterschiede in der Arbeitsweise gegeben, beispielsweise hätten die Partner in Brasilien für alles Fahrer gehabt, während im deutschen Team mehr selbst gemacht wurde, aber insgesamt sei es ein harmonischer Dreh gewesen. Klare und offene Kommunikation sei der Schlüssel gewesen, möglichen Schwierigkeiten vorzubeugen, oder damit umzugehen. Bei der Überwindung der Sprachbarrieren – am Set wurde Deutsch, Portugiesisch und Englisch gesprochen –, sei man einfallsreich gewesen. „Für mich“, sagt Julia Wagner, „steht die bewusst multikulturelle, weltoffene Haltung, die sich sowohl im Film als auch im Team widerspiegelt, im Mittelpunkt. Es ist sehr schön zu sehen, dass das geht und auch selbstverständlich werden kann.“ Bis jetzt stehe noch nicht fest, wo die Premiere stattfinden wird, in Brasilien oder international.

Nach Auffassung des Regisseurs Rubens Rewald, der auch das Drehbuch geschrieben hat, richtet sich der Film vor allem an ein jüngeres Publikum, das die Altersklasse der Hauptfiguren teilt. Aber auch Liebhaber/innen des Arthouse-Films dürften sich angesprochen fühlen. Nach Rubens Rewald handelt es sich „definitiv um einen fiktiven Film, allerdings im dokumentarischen Stil.“ Er stelle die Welt dar, „wie sie ist“, deshalb sei vorwiegend mit natürlichem Licht gearbeitet worden. In einer Welt, in der alles unsicher sei – Einkommen, die Arbeit, Beziehungen – sei es wichtig, einen Anker der Referenz zu haben. Für Menschen, die keinen familiären Flüchtlingshintergrund haben, ist das identitätsstiftende Wissen über die Herkunft oft selbstverständlich. Erst durch das Fehlen der persönlichen Wurzeln, wächst deren Bedeutung.

Die dritte Hauptrolle, die der Sabine, wird von der gebürtigen Tübingerin Laura Sophia Landauer gespielt. Bereits in ihrer Kindheit hat sie die Bühne gesucht. Im Alter von drei Jahren begann sie mit Ballett, mit sechs hatte sie den ersten Theaterauftritt in einer Kirche und mit gerade einmal elf Jahren spielte sie bei einem Generationenstück im LTT mit. Nach dieser Erfahrung wechselte sie vom Kepler-Gymnasium aufgrund der musischen Ausrichtung auf die Waldorfschule. Da ihr Vater Brasilianer ist, machte sie ihr Abitur allerdings in Brasilien. Sie studierte erst in Wien, dann in Hamburg an der Schauspielschule. Durch eine Rolle, in der sie in schwäbischem Dialekt redete, entdeckte sie ihr Talent für das Sprechen. In Werbungen, Dokumentationen und bei Netflix-Serien leiht sie mittlerweile Schauspielerinnen ihre Stimme. Die brasilianisch-deutsche Koproduktion erfüllt einen lange gehegten Wunsch. Durch einen Zufall kam sie mit Rubens Rewald zusammen. Sie feilten schon gemeinsam an ihrer Rolle, als ein schwerer Autounfall Lauras Leben nachhaltig veränderte. „Der wunderbare Rubens hat mich fast alle zwei Tage im Krankenhaus besucht“, erinnert sich die Schauspielerin. „Dadurch hat sich eine sehr intensive, freundschaftliche Beziehung entwickelt. Meine Rolle wuchs und wuchs.“ Ihre Filmfigur Sabine entwickelte sich, wurde gleich ihrer Darstellerin immer lebensbejahender.

Nach Tübingen zurückzukommen fühlt sich für die in São Paulo und hauptsächlich in Berlin Lebende nach Heimkehr an. „Ich fühle mich sehr wohl vor dieser wunderschönen Kulisse, mit den herzlichen Menschen, dem familiären Umgangston.“ Da ist es wieder, das Motiv der Heimat. Die erfolgreiche Sprecherin und Schauspielerin lächelt. Morgen geht es schon zurück in die Hauptstadt. Laura Sophia Landauer kann überall auf der Welt glücklich sein – vielleicht hängt das auch ein Stück weit damit zusammen, dass sie ihre Wurzeln kennt. Philipp Schmidt

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27.06.2018, 01:00 Uhr
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