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Der Kommentar

Hypochonder beim Selbstbeobachten

18.03.2020

Von Fred Keicher

Die Hyazinthe ist ein stark duftender Frühlingsblüher. Bild: ©ulkan - stock.adobe

Es soll ja vorkommen, dass ein Paranoiker verfolgt wird und ein Hypochonder sich ansteckt. Der Corona-Virus ist viel zu real, dass dieser Hypochonder (sagen wir mal, er und der Autor kennen sich schon lange) sich ernsthaft Sorgen gemacht hat. An einem trockenen Husten leidet er seit längerem. Ein Blick in den Beipackzettel seiner Blutdrucksenker verriet ihm eine niederschmetternde Diagnose: Nebenwirkung des Medikaments sei ein „unproduktiver Husten“. Sogar der Husten ist unproduktiv. So eine Kränkung muss man erst mal aushalten.

In Zeiten der Corona-Pandemie werden die Gesundheitsfragen drängender und vor allem unübersichtlicher. Husten ist häufig, Fieber ist häufig, Müdigkeit ist häufig. Wie bei einer normalen Grippe halt auch. Es ist eine Symptomatik, die den Hypochonder ins Schleudern bringt. Er fängt an, Fieber zu messen. Ein paar Tage nichts Auffälliges. Dann am Montag spätnachmittags zeigt das Thermometer: 38 Grad! Alarm!

Die Hotline des Landratsamtes erweist sich als kalte Dusche. Kurz vor 18 Uhr erreicht man noch jemand. Zuhören war nicht der Job der Frau, sondern fragen: Waren Sie in einem Risikogebiet? Nein, halt in Tübingen und Esslingen. Hatten Sie Kontakt mit jemandem, der eine bestätigte Diagnose auf den Corona-Virus hat? Nein. Ja, dann gibt’s auch keinen Corona-Test, dann müsse man sich an den Hausarzt wenden. Aber ja nicht hingehen – anrufen.

Der Arzt arbeitet länger als die Behördenhotline und ruft schnell zurück. Er findet, dass die Kriterien, nach denen die Tests gewährt werden, ziemlich willkürlich seien. Die Frage nach Risikogebieten ginge an der Realität der Pandemie vorbei. Das Risiko seien wir selber. Dass man große Hürden vor den Tests errichte, habe den Effekt, die Zahl der Infizierten niedrig zu halten und den Medizinbetrieb nicht zu überlasten. Erst jetzt fange man an, die diagnostischen Kapazitäten aufzubauen, die es brauche, die Infektionen in Deutschland überhaupt zu erheben. Sogar Italien etwa teste viel mehr, teste sogar Verstorbene auf den Corona-Virus. Daher die hohen Zahlen von Infizierten und Toten.

Aber dann sein Hinweis, der einem den Kopf gerade rückt: „Sie haben auch gar nichts davon, wenn man bei Ihnen den Corona-Virus findet.“ Es gebe gar keine Therapie und kein Medikament dagegen. „Erst wenn Sie Atembeschwerden bekommen sollten, dann könnte man das behandeln.“ Man könne auch nichts tun, wenn das Fieber ansteigen würde. Sein Rat: „Bleiben Sie zu Hause und beobachten Sie, wie es weiter geht.“

Was sind das für Ärzte, die Hypochondern empfehlen, sich selbst zu beobachten?

Aber der eingebildete Kranke hatte in der FAZ von einem neuen Symptom gelesen. Ein Bonner Virologe habe es entdeckt: Wer am Corona-Virus erkrankt sei, verliere einige Tage vor dem Ausbruch der Krankheit die Fähigkeit zu schmecken und zu riechen. Jetzt ist unser Hypochonder dankbar für den Geruch der blühenden Hyazinthe auf dem Balkon. Vorsorglich musterte er im Keller seine Riesling-Vorräte. Erleichtert stellte er fest: Sie würden auch über eine längere Quarantäne reichen, jeden Tag ein, zwei Gläschen oder auch mehr. Natürlich zu rein diagnostischen Zwecken.

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Erstellt:
18. März 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. März 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. März 2020, 01:00 Uhr

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