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Der Kommentar

Gastronomie ohne Erlebnis

30.01.2019

Von Stefan Zibulla

Früher gehörten sie in der Gastronomie auf jeden Tisch wie der Salz- und Pfefferstreuer. Die Rede ist nicht von den dunklen Flaschen mit der Flüssigwürze, die auch noch die fadeste Suppe zum intensiven Geschmacksträger aufpeppt. Viel folgenreicher für den Verfall der Tischkultur zwischen Neckar und Alb ist der Verlust jener Holzstäbchen, mit denen heute nur noch Rindsrouladen fixiert und Käseigel kreiert werden.

„Die früher üblichen, offen angebotenen Zahnstocher auf dem Tisch sind aus Hygienegründen verschwunden“, erklärt Daniel Ohl. „Es ist nicht hygienisch, wenn ein Gast beim Herausnehmen des Zahnstochers mit der Hand weitere Zahnstocher berührt, die andere Gäste später benutzen“, stellt der Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbands DEHOGA Baden-Württemberg fest. Und empfiehlt als Alternative den verpackten Zahnstocher, der auf Nachfrage von der Bedienung gereicht wird.

Doch welcher Gast ordert in einem Lokal mit der Rechnung auch den Gebissreiniger aus nachwachsendem Rohstoff? Lieber geht er mit ausgestopften Approximalräumen nach Hause.

Dabei verzichtet er auf jenen Nachtisch, der einst zum kostenlosen Service jedes Wirtshauses gehörte und bei einem faserigen Braten besonders üppig ausfiel. Dilettanten produzierten zwar stapelweise Bruchholz und sorgten für ein Blutbad zwischen den Zähnen. Doch der wahre Gourmet trieb beim vorsichtigen Abtasten der feuchten Mundhöhle den Genuss zwischen Lust und Schmerz auf die Doppelspitze. Hinter vorgehaltener hohler Hand. Heimlich und gleichzeitig öffentlich. Was den besonderen Reiz dieses Geschicklichkeitsspiels ausmachte, das vor allem im Bereich der hinteren Backenzähne ausgeprägtes Fingerspitzengefühl erforderte. Und bei dem alle am Tisch mitmachen konnten. Das war noch echte Gemeinschaftserlebnisgastronomie. Schade, dass sie längst der Vergangenheit angehört!

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Erstellt:
30. Januar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
30. Januar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 30. Januar 2019, 01:00 Uhr

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