Zu Fuß durch Deutsche Wälder

Gerald Klamer: Jeden Tag was Tolles

Gerald Klamer, ehemaliger Förster in Marburg, ist zu Fuß durch deutsche Wälder unterwegs – 6000 Kilometer weit will er laufen.

12.05.2021

Von Gabriele Böhm

Gerald Klamer wandert seit Ende Februar durch Deutschlands Wälder. Mit seinem Projekt „Waldbegeisterung“ will er auf den Zustand des Waldes aufmerksam machen. Bild: Jannis Große

Viele lieben den Wald. Aber wer würde schon so weit gehen, mit einem 18 Kilogramm schweren Rucksack 6000 Kilometer durch die Wälder in ganz Deutschland zu laufen, um auf deren oft schlechten Zustand aufmerksam zu machen? Gerald Klamer aus dem hessischen Marburg tut es gerade. Für sein Projekt hat der 54-Jährige sogar seinen Job gekündigt, seine Wohnung aufgegeben, sein Auto verkauft und seine Habe bis auf weniges verschenkt. Aktuell ist Klamer von Jungingen aus auf dem Weg ins Allgäu.

So rigoros? „54 ist ein gutes Alter für so einen Cut“, betont Klamer. Seine Tochter stehe jetzt auf eigenen Füßen, er selbst habe sehr geringe Ansprüche. Was sich auch darin zeigt, dass er mitten im Wald übernachtet. Ohne Zelt, nur mit einer Plane als Schutz. Und wenn es ganz schlimm kommt wie in den vergangenen kalten und nassen Tagen Anfang Mai, auch mal in einer Hütte. Nur einmal in der Woche sucht Klamer eine feste Unterkunft auf, um seine elektrischen Geräte aufzuladen.

Als Förster, der mit Waldbewirtschaftung zu tun hatte, weiß Gerald Klamer, wovon er spricht, wenn er über den Zustand der Wälder berichtet. Einsam sei er auf seiner Wanderung keineswegs. „Manchmal fühle ich mich eher wie ein Manager mit vollem Terminkalender“ meint er. Denn Forstbetriebe, Wissenschaftler, Bürgerinitiativen und auch Einzelpersonen treffen sich mit ihm, um aus erster Hand informiert zu werden. Auch der saarländische Umweltminister Reinhold Jost und Stefan Asam, Chef der Zentralstelle der Landesforsten in Rheinland-Pfalz, haben ihn bereits aufgesucht.

Wobei die lange Wanderung nicht nur körperlich alles andere ist als ein Spaziergang. Jeden Abend schreibt Klamer seine Beobachtungen und Erfahrungen in seinen Laptop. Damit kann man über die sozialen Netzwerke unter dem bezeichnenden Titel „Waldbegeisterung“ nicht nur sein Abenteuer mitverfolgen. Sondern die Notizen sollen auch in ein Buch münden, für das Klamer aktuell in Verhandlungen mit Verlagen ist.

Am 26. Februar startete der Förster in Marburg, besuchte dann in Westfalen das Sauerland und Siegerland, danach die Eifel und gelangte an Mosel und Rhein entlang zum Taunus. Weiter ging es vom Hunsrück ins Saarland, dann in den Pfälzer Wald, den pfälzischen Bienwald bis nach Baden-Württemberg. Über den Schwarzwald und den Feldberg ging Klamer durch die Wutachschlucht bis Tuttlingen und dann auf die Schwäbische Alb. 30 Kilometer schafft er am Tag. „Sofern keine Termine hinzukommen.“

Über die Waldbestände auf der Alb hat Klamer durchaus Positives zu berichten. „Auf alle Fälle sind das schöne Wälder und im Vergleich mit anderen Regionen relativ gesund.“ Im Ursprung seien es Buchen-Tannen-Bestände gewesen, bevor der Mensch eingegriffen habe und in großem Stil Fichten einbrachte. „Doch der natürliche Wald will jetzt mit Macht zurückkommen, es ist eine schöne Dynamik drin“, meint der Experte. Diese natürliche Entwicklung sei der richtige Weg, um wieder zum Mischwald zurück zu kommen. Besonders mahnt Klamer an, mit wertvollen alten Buchenbeständen sorgfältig umzugehen. „Davon muss man die Finger lassen.“ Rheinland-Pfalz sei mit seinem Einschlagestopp vorbildlich.

Nicht ratsam seien starke Auflichtungen, da Buchen durch eine zu starke Sonneneinstrahlung genau wie der Mensch einen Sonnenbrand bekommen könnten. Aus demselben Grund rät Klamer auch davon ab, die vier Meter breiten Rückegassen in einem Abstand von nur 20 Metern anzulegen. „Dadurch werden mindestens 20 Prozent der Fläche von Forstfahrzeugen befahren.“ Das bedeute ein Zusammendrücken und Verdichten des Bodens, der sich dann nicht wieder aufrichte und als Folge weniger Wasser speichern könne. „Auch die Verbindungen von Bäumen mit Pilznetzen werden dadurch zerstört.“ Manche Forstbetriebe wüssten das alles sehr wohl, doch verdrängten es wieder aus wirtschaftlichen Gründen. Etliche jedoch handhabten einen Abstand der Rückegassen von 40 Metern. „Das sollte Standard werden“, fordert Klamer.

Harvester-Fahrzeuge, die einen Baum von der Fällung über Entastung bis zum Weitertransport verarbeiteten, seien sehr teuer und müssten rund um die Uhr laufen. Doch letzten Endes müsse der Boden Vorrang haben. Rückepferde seien sicher eine gute Alternative, doch stießen bei einem steilen Gelände und sehr schweren Baumstämmen an ihre Grenzen. „Das wäre dann Tierquälerei.“

Regen und Kälte sehe er trotz der Unannehmlichkeiten für Wanderer mit einem „lachenden Auge“, denn es gebe nach drei trockenen Sommern in Folge ein riesiges Defizit an Grundwasser. Besonders schlimm sei es in den Rheinauen, wo teilweise der Grundwasserspiegel um zwei Meter abgesackt sei.

Tag und Nacht im Wald – da erlebt man doch mehr als ein Spaziergänger oder? „Es passiert jeden Tag was Tolles“, sagt Klamer. Wölfe habe er noch keine gesehen, die erwarte er in Brandenburg. Doch die besonders seltenen und scheuen Wildkatzen zu beobachten, sei ein besonderes Erlebnis gewesen. Bis November, „um den Laubfall noch hautnah mitzubekommen“, so lange will Gerald Klamer noch unterwegs sein.

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Erstellt:
12. Mai 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
12. Mai 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. Mai 2021, 01:00 Uhr

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