Stadtprägend

Gerettete Typografien: Frauendiener

10.02.2021

Auf über 90 Jahre Betriebsgeschichte am selben Ort konnte das Schuhhaus Frauendiener am Lustnauer Tor zurück blicken. Bild: Barbara Honner

Als im März 2020 die ersten Umbauarbeiten des neuen Ladenpächters im ehemaligen Schuhhaus Frauendiener am Lustnauer Tor 6 begannen, war es höchste Zeit zu handeln, denn ein Teil der beiden blauen Schriftzüge war bereits demontiert und zerstört.

Eine erste Kontaktaufnahme mit der Tübinger Familie Frauendiener nach Bekanntwerden der Geschäftsaufgabe im November 2018 blieb unbeantwortet. Die Zusage des Neupächters, die Lettern nicht zu vernichten, garantierte zunächst die Rettung – die Unterbrechung aller Arbeiten durch den ersten Corona-Lockdown ebenso. Im Mai 2020 konnten nach einem überraschenden Anruf von Brigitte Frauendiener im Stadtmuseum die beiden demontierten Buchstabensätze am Lustnauer Tor abgeholt werden, darunter ein kompletter, fast unbeschädigter Schriftzug. Sie hatte die Nachricht bezüglich der Rettung von Aufschriften, die durch ihre lange und für die Stadt prägende Betriebsgeschichte als typografisches Erbe angesehen werden können, nicht vergessen.

Die Geschichte des Familienunternehmens Frauendiener beginnt 1910, als die Brüder Wilhelm und Reinhold ein Schuhgeschäft in der Langen Gasse 3 eröffnen. 1926 kauft Reinhold das Haus am Lustnauer Tor (damals Hindenburgplatz) und gründet 1927 mit seiner Frau Berta Johner das Schuhgeschäft Frauendiener-Johner. Der gelernte Schuhmacher mit kaufmännischer Ausbildung arbeitet in der Werkstatt, Berta im Laden. 1960 übernimmt Sohn Dieter das Geschäft. Gleichzeitig eröffnet sein Bruder Ulrich im 2. Stock mit seiner Frau Irene ein Lederwarengeschäft, mit dem sie 1963 in die Kirchgasse 4 umziehen (1991 dann erneuter Umzug in die Lange Gasse 3). Nach dem Tod des Firmengründers Reinhold Frauendiener 1991 führen Berta und die beiden Enkelinnen Brigitte und Karin Frauendiener bis 1999 das renommierte Schuhgeschäft weiter.

Trotz zweimaliger Übernahme bis zur endgültigen Standortaufgabe blieb der Name „Frauendiener“ als Ladenaufschrift erhalten. Ulrich Falterer aus Furtwangen geriet 2002 sogar in einen jahrelangen Rechtsstreit mit dem Baurechtsamt der Stadt, da er Umbau und Renovierung nicht an die Stadtbildsatzung angepasst hatte. So musste er die viel zu große Aufschrift – ein Leuchtkasten mit Namenszug – 2006 wieder abnehmen und verkleinern. Die gut 30 Zentimeter hohen und 26 Zentimeter breiten Buchstaben aus Aluminium (Unterteil) und blauen Plexiglasdeckeln, in einer serifenlosen Linear-Antiqua gehalten, stammen also aus diesem Jahr. Barbara Honner

Mit dieser Serie stellen wir Schriften vor, die Barbara Honner vor der Entsorgung gerettet und dem Tübinger Stadtmuseum übergeben hat.

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Erstellt:
10. Februar 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
10. Februar 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 10. Februar 2021, 01:00 Uhr

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