Populärste Schrift der Welt

Gerettete Typografien: Heinzelmännchen

Jeder Sammler weiß, dass zu seiner Leidenschaft auch eine Portion Glück gehört. Wenigstens hin und wieder.

07.10.2020

Manche Kritiker bezeichnen die Helvetica als typografische Landplage. Bild: Barbara Honner

Tübingen. Jahrelang kam nach jedem Inhaberwechsel in der Tübinger Collegiumsgasse 14 auf dem alten Werbeaushänger am Haus der verblasste Schriftzug „Heinzelmännchen“ zum Vorschein. Während eines Gesprächs im August 2018 fiel dem neuen Inhaber der Boutique „Unikat“ Hanan Eisen ein, dass sich ein verstaubtes Originalschild im Hausgang befindet. Schon seit 2007! Denn Karl Heinzelmann, Stuttgarter Comic-Buchhändler und Comic-Verleger, übernahm 1996 die Leihbuchhandlung von Hans Merkh, die letzte seiner Art in Deutschland, und musste elf Jahre später für immer schließen. Die veritable und einzigartige Comicsammlung wird „älteren Semestern“ in Tübingen noch gut in Erinnerung sein. Merkh und Heinzelmann waren eine (Comic-)Institution in der Universitätsstadt.

Das 79 x 44 Zentimeter große Kunststoffschild mit der lustigen „Heinzelmännchen“-Figur erscheint auf den ersten Blick typografisch gewöhnlich. In der Tat gehört die „Helvetica“, wie die Times Roman oder Calibri, zu unserem Schriftenalltag. Ihre Entstehung war das Ergebnis einer gemeinsamen Arbeit der Schweizer Typografen und Grafiker Eduard Hoffmann und Max Miedinger und erschien zuerst 1957 als „Neue Haas“ in der gleichnamigen Schriftgießerei in Basel. Zwei Jahre später, mittlerweile in der Frankfurter Stempel AG für den Maschinensatzes zugerichtet und mit einem neuen Namen versehen, trat diese serifenlose Linear-Antiqua eine Weltherrschaft an. Mit ihrem klaren und sachlichen Charakter avancierte die „Helvetica“ in den 1960er-Jahren zur Hausschrift von Weltkonzernen wie BASF, Bayer oder BMW, aber auch Lufthansa und die Bundesbahn verwendeten sie schon früh.

Experten schätzen, dass sie die populärste Schriftart der Welt ist, nur der Microsoft Helvetica-Klon Arial wird noch häufiger eingesetzt. Kritiker bezeichneten die Helvetica auch schon mal als „typografische Landplage“. Nichtsdestotrotz widmete das New Yorker Museum of Modern Art 2007 der Schrift zu ihrem 50. Geburtstag eine Ausstellung. Die Helvetica gibt es in Dutzenden Strichstärken von Ultraleicht bis Ultrafett und in noch einmal so vielen Laufweiten. Aber sie ist immer gut lesbar. Und das macht eine perfekte Schrift aus. Barbara Honner

Mit dieser Serie stellen wir Schriften vor, die Barbara Honner vor der Entsorgung gerettet und dem Tübinger Stadtmuseum übergeben hat.

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Erstellt:
7. Oktober 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
7. Oktober 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 7. Oktober 2020, 01:00 Uhr

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