„Ich trinke immer mehr“

Große Resonanz bei unserer Telefonaktion zum Thema Alkohol

Was tun, wenn nahe Angehörige zu viel trinken? Wie viel Alkohol verträgt die eigene Gesundheit? Wie schafft man es, weniger zu trinken? Viele Leserinnen und Leser des TAGBLATT-ANZEIGERs suchten das Gespräch mit dem Expertenteam der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

15.09.2021

In schwierigen Zeiten ist es von einem Bier zu einem halben Kasten nicht weit. Bild: BZgA

Hier einige der Fragen und die Antworten der Experten:

Wir haben uns in der Pandemie an den abendlichen Wein gewöhnt. Wahrscheinlich ist das nicht ganz gesund. Doch mir fällt nichts ein, was den Tag genau so angenehm beruhigend ausklingen lässt …

Vielleicht versuchen Sie es einmal mit einer Teezeremonie oder einem hübsch garnierten alkoholfreien Cocktail? Rezepte finden Sie unter www.kenn-dein-limit.de/handeln/alkoholfrei-leben/alkoholfreie-drinks/

Oder tut Ihnen ein Spaziergang am Abend gut? Danach vielleicht ein warmes Bad? Viele Menschen entspannt ruhige Musik, ein guter Film, ein unterhaltsames Spiel oder ein interessantes Buch. Schauen Sie, was für Sie beide passt und probieren Sie es aus.

Übrigens, ohne Alkohol ist man am nächsten Morgen ausgeruhter, da der Schlaf tiefer ist.

In letzter Zeit, wo ich nur zu Hause sitze, ist aus der einen Bierflasche pro Tag fast ein halber Kasten geworden … Gibt es vielleicht einen Trick, um wieder weniger zu trinken?

Nein, einen Trick gibt es nicht, aber viele verschiedene Möglichkeiten, es zu schaffen. Es lohnt sich, sich darüber mit Experten zu unterhalten. Machen Sie am besten gleich einen Termin bei einer Suchtberatungsstelle für ein erstes Informationsgespräch. Adressen stehen unter www.kenn-dein-limit.de im Internet. Man sollte, wenn man motiviert ist, möglichst umgehend Taten folgen lassen. Die Beratung ist anonym und kostenlos.

Meine Schwiegermutter trinkt. Jetzt in der Pandemie ist es mehr geworden. Sollten wir gemeinsam als Familie ihr gegenüber das Problem ansprechen?

Ich rate Ihnen eher dazu, einzeln mit ihr zu sprechen, vielleicht ganz zwanglos auf einem Spaziergang. Denn wenn Sie als Familie gesammelt auftreten, könnte schnell die Situation eines Tribunals entstehen, und Ihre Schwiegermutter würde sich vielleicht zurückziehen.

Kann ich meinem Freund glauben? Er ist im Rausch gewalttätig geworden, hat aber versprochen, es nie wieder zu tun…

Setzen Sie sich eine Frist, zum Beispiel sechs Wochen. Notieren Sie in dieser Zeit, was vorfällt. Vielleicht fällt Ihnen danach die Entscheidung leichter zu gehen oder zu bleiben. In jedem Fall möchte ich Sie ermutigen, eine Frauenberatung in Anspruch zu nehmen, damit Sie für eventuelle Anzeichen erneuter Gewalt sensibilisiert werden. Adressen finden Sie zum Beispiel bei der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Jugend- und Eheberatung unter www.dajeb.de.

Außerdem sollten Sie wissen: Es gibt auch noch ein Leben jenseits von Partnern, die trinken und gewalttätig werden.

Ich möchte mich nach so vielen Ehejahren nicht trennen, obwohl mein Mann immer mehr trinkt. Im tiefsten Herzen hoffe ich, dass er sich wieder ändert …

Das hätte er ja schon längst machen können. Offensichtlich will er das nicht. Das Einzige, was Sie tun können: Sich selbst verändern! Diesen Neustart können Sie jeden Tag machen. Versuchen Sie, sich Freude am Leben zu organisieren, unabhängig von Ihrem Mann: Treffen Sie sich mit Freundinnen, pflegen Sie ein Hobby, genießen Sie die Natur. Wenn Sie etwas mit Ihrem Mann gemeinsam unternehmen wollen, können Sie verabreden, dass es dann keinen Alkohol gibt. Vielleicht lässt sich auch eine räumliche Trennung im Haus einrichten.

Am Wochenende genehmige ich mir ein Gläschen Wein und zu besonderen Anlässen auch mal in der Woche. Liegt das noch im Limit?

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung empfiehlt gesunden, erwachsenen Frauen nicht mehr als ein Glas Alkohol pro Tag, für Männer gilt das Doppelte. Gemeint sind kleine Standardgläser, also zum Beispiel ein Bierglas mit 0,3 Litern, ein Weinglas mit einem Achtelöiter oder ein Schnapsglas mit 4 cl. Zwei Tage pro Woche sollten alkoholfrei sein, um sich nicht an die Droge zu gewöhnen.

Ich trinke immer mehr und weiß, dass ich das ändern muss. In eine Suchtberatungsstelle möchte ich nicht, ich schäme mich …

Das müssen Sie nicht, im Gegenteil, Sie können stolz sein. Sie haben Ihr Problem erkannt und wollen etwas dagegen tun.

Über die Gespräche in der Beratungsstelle wird nichts nach Außen dringen. Die Experten dort unterliegen genau wie Ärzte einer Schweigepflicht.

Seit ich Rentner bin, trinke ich viel mehr. Ohne Alkohol werde ich schwermütig, mit Alkohol geht es mir besser. Aber das kann doch keine Lösung auf Dauer sein …

Nein, wenn Sie so weiter machen, geraten Sie immer mehr in einen Teufelskreis. Die Schwermut kann man zwar eine Zeitlang mit Alkohol betäuben, aber man muss die Dosis immer mehr erhöhen, um den gleichen Effekt zu haben. Dann wird der Alkohol selbst zum Problem. Es hört sich so an, als seien Sie nach Beendigung des Arbeitslebens in eine Depression gerutscht. Ich rate Ihnen, das ärztlich untersuchen und gegebenenfalls behandeln zu lassen. Dann besteht die Chance, dass Sie wieder Freude am Leben haben. TA

Sucht-Beratungstelefon der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

Montag bis Donnerstag von

10-22 Uhr und Freitag bis Sonntag von 10-18 Uhr unter der Nummer 02 21 / 89 20 31.

Kostenlose Info-Materialien zum Thema gibt es unter www.bzga.de/Infomaterialien

Seiten im Internet:

für Jugendliche unter 16 Jahren: www.null-alkohol-voll-power.de

für Jugendliche von 16 bis 20 Jahren:

www.kenn-dein-limit.info

für Erwachsene:

www.kenn-dein-limit.de

(mit Tipps für Eltern).

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Erstellt:
15. September 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
15. September 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. September 2021, 01:00 Uhr

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