Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Aus der Luft und zu Fuß (29)

Hailfingen

09.05.2018

Von Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Hailfingen liegt im äußersten Norden Rottenburgs. Hier, im Oberen Gäu, lebten schon vor 1500 Jahren Menschen: In den 1930er-Jahren konnte der Geologe und Prähistoriker Hermann Stoll eines der ersten Gräberfelder der Merowingerzeit fast vollständig freilegen. Daneben fanden sich jungsteinzeitliche Linearbandkeramik und Spuren aus der Hallstattzeit. Die aus Franken stammenden Merowinger brachten, ähnlich wie in Sülchen, das Christentum mit und man kann vermuten, dass es bereits um 600 in Hailfingen eine Kirche gab, die aber erst 1275 erwähnt wurde – ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem Albrecht II. die Stadt Rottenburg gründete, die die Siedlung Sülchen ablösen würde.

Die dem heiligen Laurentius geweihte heutige Kirche (linkes Bild) wurde zwischen 1515 und 1519 von einem Schüler des berühmten Ulmer Baumeisters Burkhard Engelberg, der 1493 den Ulmer Münsterturm vor dem Einsturz rettete, gebaut. Es handelt sich um eine typische spätgotische Landkirche mit einem geräumigen Langhaus und einem vieleckigen Chor. Das Kirchenschiff wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrmals verändert und erweitert, der spätgotische Chor ist noch sehr gut erhalten. Eine Besonderheit der St. Laurentius-Kirche sind die prachtvoll gearbeiteten Schlusssteine inmitten des Netzrippengewölbes an der Decke, das eine handwerkliche Meisterleistung darstellt.

Die qualitätvolle Architektur, die sich die Herren von Hailfingen, eines der am weitesten verzweigten schwäbischen Adelsgeschlechter, leisteten, hat man sich wohl auch heute zum Maßstab genommen: Das 2010 gebaute katholische Gemeindezentrum stellt eine gelungene Mischung aus traditioneller Bauform und moderner Architektursprache dar. Das etwas schiefe Dach, die flächig und hell verputzten Wandflächen, die Biberschwanzziegel und die sparsamen, asymmetrisch verteilten Fenster nehmen die Formen, Farben und Materialien der Umgebung aus Wohnhäusern und Kirche auf, aber heben sich gleichzeitig vom dörflichen Kontext ab. Für diese gelungene Mischung erhielt der Bau mehrere Architekturpreise.

Daran wird sich das neu zu bauende Schulhaus messen lassen müssen. Die alte Grundschule aus dem 19. Jahrhundert ist auf den ersten Blick immer noch ein perfektes Idyll (rechtes Bild). Dank des stetigen Bevölkerungswachstums in Hailfigen – der Teilort Rottenburgs hat 1672 Einwohner, vor drei Jahren waren es noch 150 weniger – reicht der Platz in der Sophie-Scholl-Schule längst nicht mehr aus, der Brandschutz weist erhebliche Mängel auf und eine Sanierung ist eigentlich umgänglich. Weil die ungeheuer teuer geworden wäre, hat sich die Gemeinde für einen Neubau entschieden, der ebenfalls in der Dorfmitte seinen Platz finden soll. Ein Drittel der erwachsenen Hailfinger Bürger war jedoch anderer Meinung. Sie fürchteten mehr Verkehr und Kindergeschrei und wünschten die neue Grundschule neben die Mehrzweckhalle etwas außerhalb des Ortes. Das lehnte der Ortschaftsrat ab – eine Dorfschule, so befanden sie, gehört ins Dorf und nicht an den Rand. Ein Architekturwettbewerb wurde ausgelobt, den ein Büro gewann, das nicht nur eins, sondern gleich drei Gebäude plante. So kann der Musiksaal auch bei Festen aller Art genutzt werden und die Schule fügt sich schön in die Dorfmitte ein und überragt weder Kirche noch Rathaus.

Gar nicht idyllisch und auch nicht architektonisch qualitätvoll geht es auf dem ehemaligen Flugplatz Hailfingen-Tailfingen zu. Hier befand sich von September 1944 bis Februar 1945 eine Außenstelle des KZ Natzweiler-Struthof. Nachdem der 1938 begonnene Militärflugplatz mit französischen, sowjetischen und britischen Kriegsgefangenen und Zwangsarbeitern fortgeführt wurde, brachte man im November 1944 etwa 601 jüdische Häftlinge nach Hailfingen, von denen viele an den katastrophalen Lebens- ud Arbeitsbedingungen im KZ starben, in andere KZs deportiert wurden oder bei sogenannten „Todesmärschen“ ums Leben kamen. Mittlerweile hat die Flurbereinigung alle Spuren verwischt. Andrea Bachmann /

Bilder: Erich Sommer

Zum Artikel

Erstellt:
9. Mai 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
9. Mai 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 9. Mai 2018, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.