Der Kommentar

Das Blaue vom Himmel

Von Angelika Brieschke

Das Blaue vom Himmel

Augen auf bei der Berufswahl! Held sein lohnt sich nicht.

Helden haben Hochkonjunktur, seit Corona schießen sie geradezu aus dem Boden: Es gibt jetzt jede Menge Alltagshelden und noch mehr Helden bei der Arbeit. Und die neueste Spezies: Von Hotelpersonal beklatschte Tourismus-Heroen, deren Heldentum im wesentlichen darin besteht, sich bedenkenlos in gut gefüllte Flugzeuge zu quetschen, um sich dann am fernen Inselstrand alkoholisiert daneben zu benehmen.

Beklatscht worden sind auch unsere Arbeitsheldinnen im Gesundheitsbereich – wochenlang und jeden Abend. Und gleich zu Anfang der Pandemie wurde ihnen von der Politik das Blaue vom Himmel versprochen. Sprich: angemessene Bezahlung.

Das wiederum habe ich gleich für unrealistisch gehalten, denn ein Blick in die Geschichte zeigt: Echte Helden werden selten adäquat honoriert. Siegfried zum Beispiel: heimtückisch von hinten mit einem Speer getötet. Robin Hood: von einer Äbtissin mit einem absichtlich falsch durchgeführten Aderlass ermordet. Jeanne d‘Arc: im zarten Alter von 19 Jahren öffentlich auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Diese Liste ließe sich beliebig fortführen, und es zeigt sich: Oft steckte der jeweilige Dienstherr mittendrin in der unschönen Gemengelage beim Helden-Showdown.

Man sollte also genau darüber nachdenken, ob man sich wirklich von irgendjemandem das Prädikat „Held“ an die Brust heften lassen möchte. Man kommt in merkwürdige Gesellschaft und es ist fraglich, ob es sich lohnt. Denn – das weiß jeder – Helden sitzen eher nicht in Tarifverhandlungen und kämpfen um Gehalt und Arbeitszeiten und eine ausreichende Anzahl an Kolleginnen und Kollegen.

Echte Helden kämpfen – meist sehr alleine und ohne Rücksicht auf das eigene Wohl – um irgendeine sehr große Sache. Zum Beispiel um unsere Gesundheit.

Das können wir nicht ernsthaft so haben wollen!

Angelika Brieschke


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22.07.2020, 01:00 Uhr