Schafe, Felsen, Bergidyll

Hinaus ins Grüne: Rundwanderung um Reusten

Diese reizvolle Rundwanderung führt uns von Reusten über den Kirchberg durchs Naturschutzgebiet Kochhartgraben zum Bergcafé.

19.09.2018

Von Arndt Spieth

Bergidyll mit Schafen – so friedlich ist es rund um den Reustener Kirchberg. Bilder: Arndt Spieth

Wir beginnen diese Tour im Ortszentrum von Reusten an der Bushaltestelle „Reusten Rathaus“. Von hier folgen wir der lauschigen Wintergasse entlang der abwärts fließenden Ammer. Im Gegensatz zur Sommergasse am Ende unterer Tour ist es hier durch den Kirchberg schattiger und kühler, daher der Name.

Wir spazieren die Straße ganz durch und sehen links erst die malerisch am Fluss gelegene, ehemalige „Innere Mühle“ und dann ein langgestrecktes Gebäude, die alte Reustener Zehntscheuer. An der Einmündung in die Rottenburger Straße folgen wir dem Treppenweg rechts ganz hoch bis zum Friedhof, den wir nach rechts durchqueren. Bis 1759 stand hier oben die Heiligkreuzkirche, die wie der ganze Flecken lange dem Kloster Bebenhausen gehörte. Danach modelte man die alte Kelter im Ort zur Kirche um und errichtete den bis heute ortsbildprägenden Kirchturm. Die Kirche hier oben verschwand, aber der Gottesacker und die Ummauerung des Kirchhofs blieben, ebenso der Name ‚Kirchberg‘. Die schmalen und steilen Pfade hoch zum Friedhof waren für Trauergäste wie für Sargträger beschwerlich und laut einer Anekdote stolperte bei einer „Leich“ (schwäbisch für Beerdigung) ein Sargträger, was den Reustener den Spitznamen „Daudaruagaler“ (Totenrugler) einbrachte.

Oben auf dem Friedhof gab es lange nur ein gusseiserne Handpumpe und ich kann mich als Kind noch gut daran erinnern, dass wir im Sommer oft ziemlich nassgeschwitzt waren, bis wir eine volle Gießkanne hatten, um das Grab meiner Großeltern zu wässern. Wasser ist Mangelware auf dem Kirchberg, der Muschelkalk neigt zur Verkarstung und die Erdschichten darüber sind dünn. Oft ragen die blanken Felsen hervor und die nährstoffarmen Hänge sind mit Magerrasen bewachsen, was diesem Gebiet seinen besonderen Charme und natürlich auch eine besondere Pflanzen- und Tierwelt beschert.

Schaut man nach Verlassen des Friedhofs am westlichen Ausgang links hinunter, sieht man tief unten einen Steinbruchsee. Dies war lange ein beliebter Badeplatz für die Reustener. Ab und zu sprang damals oben ein sogenannter „Todesspringer“ von den Felsen hinunter ins Wasser, was jedes Mal eine kleine Sensation im Ort war.

Wir folgen dem Weg weiter auf die mit Linden bestandene Hochfläche des Kirchbergs. Dabei queren wir alte Gräben der frühmittelalterlichen Höhenburg Kräheneck, von der aber sonst nichts mehr zu sehen ist. Der Kirchberg ist geologisch Teil des Reustener Sattels und dieser Abschnitt der Ammer wird als ‚Durchbruchstal‘ bezeichnet. Der Muschelkalk wölbte sich hier vor fünf Millionen Jahren auf und die ursprünglich Richtung Donau fließende Ammer musste sich tief in das Gestein fressen, um in diese Richtung weiterfließen zu können. Besonders die trockenen und flachgründigen Südhänge des Kirchbergs und Kochhartgrabentals werden nur mit Schafen beweidet und man entdeckt hier neben besonderen Vogel- und Insektenarten viele seltene Pflanzen wie die Küchenschelle, die Silberdistel, den Gelben Zahntrost und vor allem im Herbst den Deutschen Fransenenzian.

Für viele ist der Berg ein Kraftort und ein beliebtes Plätzchen, um im Sommer eine lauschige Ruhepause zu verbringen. Von hier oben haben wir schöne Ausblicke auf Reusten und das eher karge Kochhartgrabental, in das wir nun vorne am Parkplatz links hinunterwandern. Letzte Mauereste erinnern oberhalb des Pfades, dass früher um Reusten intensiv Weinbau betrieben wurde, wozu man um 1575 die große Kelter und heutige Kirche im Ort erbaute.

Unten angekommen, folgen wir für längere Zeit dem Graspfad auf der schmalen grünen und durch den Bach mit seinem nitrathaltigen Wasser gut gedüngten Talsohle, die sich deutlich von den kargen, trockenen Hängen abhebt. Das felsige Tal hat etwas sehr urtümliches und erinnert im Sommer an umbrische Landschaften.

Wir wählen den Weg entlang des im Sommer fast ausgetrockneten Grabens und queren ihn an einer kleinen Furt mittels Trittsteinen. Bei Hochwasser kehrt man hier besser um und wandert den Weg zurück. Nach eine kurzen Strecke auf dem Südufer wechselt der Pfad wieder die Bachseite. Hier sind die Trittsteine etwas schief und es empfiehlt sich, den Graben ein paar Meter oberhalb zu queren. Wir wandern nun noch etwas durch das Naturschutzgebiet und sehen links eine Brücke über den Kochhart. Hier folgen wir dem Weg rechts hoch und halten uns oben an der Hangkante wieder rechts. Beim Aufstieg bekommen wir schöne Ausblicke auf das Tal mit seinen braunen und grünen Zonen.

Oben gehen wir wieder Richtung Osten, das heißt nach Reusten weiter und kommen an Feldern auf der linken und Streuobstwiesen mit Gärten auf der rechten Seite vorüber. Schauen wir nach links, so sehen wir hinter den Feldern zwischen Sträuchern einige Betonsäulen emporragen. Sie sind der Rest einer Flugzeugreparaturhalle, in der während des Zweiten Weltkrieges Nachtjägerflugzeuge des nahen Militärflugplatzes Hailfingen repariert werden sollten. Sie wurde nie fertig gestellt. Dahinter befand sich das KZ-Außenlager Hailfingen-Tailfingen, wo jüdische Häftlinge, Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter unter übelsten Bedingungen den Nachtjägerflugplatz weiter ausbauen sollten oder im Reustener Steinbruch schuften mussten. Viele verloren dabei ihr Leben.

Wir wandern nun immer weiter in östliche Richtung und erreichen nach rund 900 Metern eine Wegkreuzung. Hier folgen wir dem Schotter- und Grasweg nach rechts und gehen bald am Reustener Sportheim vorbei. Es ist heute als „Berghaus“ bekannt, das man für Feste und Veranstaltungen mieten kann. Nach dem Haus folgen wir dem Wanderpfad schräg rechts hinunter zum Parkplatz am Kirchberg und dem legendären Reustener Bergcafé. Nach einer eventuellen Einkehr gehen wir die Straße ‚Am Kirchberg‘ hinunter bis zur Altinger Straße. Wir queren sie und folgen, rechts versetzt, der lauschigen Sommergasse erst in den alten Ort und dann an der Ammer entlang zurück zum Ausgangspunkt. Arndt Spieth

Bergcafé Reusten

Das 1954 von den Reustener Schwestern Marie und Sophie Haupt gegründete Café entwickelte sich bald zu einer weit über die Kreisgrenze bekannten Institution und war besonderes bei Studenten sehr beliebt, die hier gerne in der urigen Stube bei den knitzen und welterfahrenen Schwäbinnen ihren Most genossen und ihren interessanten Geschichten lauschten. Hier war außer Pelzträgern jeder willkommen, wenn man sich anständig benahm und man war sofort per „Du“ mit Marie und Sophie. Es war eine außergewöhnliche Oase, die viel Herzlichkeit und Wärme ausstrahlte. Nachdem die Schwestern verstarben, war es erst viele Jahre verpachtet. Vor kurzem wurde es innen wie außen gründlich renoviert und von der Großnichte der beiden Schwestern, Hanna Hahn, mit ihrem Mann, dem Künstler Daniel Schürer, wiederöffnet. Jetzt wird hier leckeres Selbstgebackenes und –produziertes serviert.

Länge: 4,3 Kilometer

Höhenunterschied: 60 Meter

Gehzeit: 1,5 Stunden

ÖPNV: Buslinie 777, Haltestelle Reusten Rathaus

Einkehrmöglichkeit:

Bergcafé Reusten, Freitag bis Sonntag geöffnet

Achtung: Auf dieser Wanderung queren wir zweimal den Kochhartgraben auf Trittsteinen. Der Bach führt im Sommer nur wenig Wasser. Nach stärkeren Regenfällen braucht man dafür aber wasserfeste Schuhe oder man muss sogar an der Furt umdrehen. Trittsicherheit ist an den Furten erforderlich.

Lauschige Wintergasse entlang der Ammer.

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Erstellt:
19. September 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. September 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. September 2018, 01:00 Uhr

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