Zauber des Mittelaltermarktes

Hinaus ins Grüne: Spaziergang durch Esslingen während der Adventszeit

Dieser kurzweilige Winterspaziergang führt uns durch die faszinierende Altstadt von Esslingen. Wir beginnen und beenden diese Tour am Esslinger Rathausplatz, der alljährlich im Advent ganz vom Zauber des Mittelaltermarkts umgeben ist.

Hinaus ins Grüne: Spaziergang durch Esslingen während der Adventszeit

Mal was anderes: der Weihnachts- und Mittelaltermarkt in Esslingen. Bilder: Arndt Spieth

Der Mittelaltermarkt in Esslingen gilt als einer der schönsten Europas und lässt uns vor allem abends, beim romantischen Fackelschein und den uralten Häusern, in die Welt unserer Vorfahren eintauchen. Prachtvollster Bau am Platz ist das Alte Rathaus. Die sichtbare Nordfassade wurde 1586 bis 1589 durch Heinrich Schickhardt im repräsentativen Renaissancestil mit filigranem Uhrenturm vor den Fachwerkbau von 1420 gesetzt. 1592 kam die berühmte astronomische Uhr mit den allegorischen Figuren Justitia und Temperantia dazu. Den älteren Gebäudeteil mit dem berühmten alemannischen Fachwerk werden wir am Schluss der Tour genauer in Augenschein nehmen.

Schräg gegenüber vom Alten Rathaus sehen wir das nicht minder prächtige Neue Rathaus, das 1747 bis 1763 als Palais für den Freiherrn Franz Gottlieb von Palm entstanden ist. Auf der Ostseite biegt unterhalb der Gaststätte „Reichstatt“ die Webergasse ein. Wir folgen ihr in östliche Richtung und kommen durch einen der schönsten Winkel in der Altstadt mit vielen stattlichen Gebäuden reicher Patrizierfamilien und kirchlichen Pfleghöfen. Das wohl älteste Fachwerkwohnhaus Deutschlands finden wir in der Webergasse 8: Es stammt laut Untersuchungen aus dem Jahr 1266. Im Westteil musste das Fachwerk später nach einem Brand erneuert werden, aber der Dachstuhl ist noch original. Das „Rekordhaus“ befindet sich in wohlbekannter Gesellschaft, denn seine Nachbarn stammen fast alle noch aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Ein Geheimnis birgt das Haus zum Wolf (Nr. 18) aus dem 15. Jahrhundert, an dessen Ecke als Hausschmuck ein lebensgroßer, angeleinter Wolf oder Hund seit Jahrhunderten die Gasse bewacht. Was es damit auf sich hatte, haben unsere Vorfahren leider mit ins Grab genommen.

Nach wenigen Schritten kreuzt am Beginn des Landolinsplatzes die Landolinsgasse, in die wir rechts einbiegen. Kleinere, aber nicht weniger charmante alte Domizile säumen den Weg. Haus Nr. 8/1 ist ein mittelalterliches Wohnhaus von 1360, das im 19. Jahrhundert dem jüdischen Viehhändler Samuel Lauchheimer gehörte. Im Erdgeschoss betrieb er eine zu damaliger Zeit ganz im Trend liegende Milchkuranstalt, in der kurmäßig warme Milch oder Molke getrunken wurde.

Wir gehen die Heugasse nach links. An der nächsten Kreuzung geht‘s die Straße Im Heppächer weiter, und wir erreichen die jüdische Synagoge (Nr. 3). Das mittelalterliche Zunftshaus der Schneider wurde 1819 von der jüdischen Gemeinde erworben und umgebaut. Beim Novemberpogrom 1938 wurden die Synagoge von Nazis demoliert und jüdische Mitbürger teilweise schwer misshandelt. Das später lange als Galerie genutzte Haus ist heute wieder Synagoge und jüdisches Begegnungszentrum. An der nächsten Kreuzung erreichen wir einen kleinen Platz mit dem Zwiebelbrunnen. Der 1984 aufgestellte Brunnen des Bildhauers Wolfgang Klein spielt auf den Esslinger Spitznamen „Zwieblinger“ an. Laut einer alten Geschichte soll der Teufel Esslingen besucht haben und von einer couragierten Marktfrau statt des verlangten Apfels mit einer Zwiebel abgespeist worden sein. Dieser spuckte die scharfe Knolle wütend aus und schrie: „Von nun an sollt ihr alle Zwiebeln heißen!“

Wir gehen geradeaus weiter und biegen nach wenigen Schritten nach rechts in die malerische Franziskanergasse ein, die in diesem Abschnitt von uralten Behausungen wie das 1372 errichte Wohngebäude Nr. 19 flankiert wird. Nach wenigen Schritten weitet sich die enge Straße zu einem malerischen Platz. Mittendrin steht der imposante gotische Chor der einst dreischiffigen Franziskanerkirche St. Georg. Der Eingang ist offen und der Chor von 1270 mit einigen Kunstschätzen kann besichtigt werden. Wir folgen nun der Kupfergasse zwischen Chor und Häuser nach rechts bis zur Schmalen Gasse, in die wir links einbiegen. Bis 1937 war dies die Judengasse und Teil des jüdischen Viertels.

Wieder in der Straße Im Heppächer, gehen wir nach Süden und erreichen den Ottilienplatz. Dann in gleicher Richtung weiter bis zur Küferstraße mit dem Wolfstor: Das uralte Stadttor mit geschweiftem Vollwalmdach und Glockentürmchen stammt von 1220 und ist das älteste erhaltene Stadttor Esslingens. Die spitzbogige Tordurchfahrt, durch die jahrhundertelang Händler aus allen Teilen Europas ihre Karren zogen, ist außen mit staufischen Löwen geschmückt. Seit 1550 ist es als Wolfstor bekannt, vermutlich weil die Esslinger inzwischen nichts mehr von den Staufern und ihren Löwen wussten und diese als Wölfe interpretierten.

Wir bummeln nun durch die hübsche Küferstraße mit schönen Fachwerkhäusern nach rechts bis zum Eichbrunnen. Hier geht‘s wieder nach rechts zum Blarerplatz. Am nördlichen Ende des hübschen baumbestandenen Platzes – dem alten Holzmarkt – erreichen wir wieder die Landolinsgasse, die wir bis zur Milchstraße weitergehen. Im mittelalterlichen Eckhaus Nr. 1 befindet sich noch eine gotische Hauskapelle, in der seit 1984 das beliebte Marionettentheater LIMA sein Refugium hat.

Wir halten wir uns nun links und gelangen auf der Milchstraße bald zum historischen Hafenmarkt mit dem berühmten Wohnturm „Gelbes Haus“ aus dem 13. Jahrhundert. Der Duft von Bratäpfeln und Glühwein umfängt uns hier, wir sind wieder auf dem Mittelaltermarkt. Wir bahnen uns auf dem historischen Mittelaltermarkt einen Weg zwischen den Besucherströmen, Gauklern, Feuerspuckern und originellen Marktständen. Ein besonderer Hingucker ist das „Badehaus“, wo man in wohl temperierten Holzzubern entspannt das Gewusel beobachten kann. Wir verlassen den Platz auf der gegenüberliegenden Seite, oben rechts. Die herrlich renovierten Wohnhäuser auf der linken Straßenseite (Nr. 1-6) entstanden alle vor 1333, und die Zeile gilt als die älteste in ganz Deutschland.

Schließlich kommen wir wieder auf den Rathausplatz mit dem imposanten Alten Rathaus, allerdings diesmal von Süden her. Der um 1420 als städtisches Kauf- und Steuerhaus errichtete Bau gilt mit seinem eindrucksvollen Südgiebel und den wuchtigen Eichenbalken in der Form des „Schwäbischen Mannes“ als ein Hauptwerk des alemannischen Fachwerkbaus. Wir gehen hier nach rechts, kommen an weiteren, mittelalterlichen Markt- und Trinkbuden vorbei und erreichen wieder den Ausgangspunkt. Arndt Spieth

Tourenlänge: 1,2 Kilometer

Einkehrmöglichkeiten: Lokale in der Altstadt, Mittelaltermarkt

ÖPNV: Von Tübingen Hauptbahnhof am besten mit dem Regional-Express (RE) direkt nach Esslingen und zurück.

Arndt Spieth ist Autor des Stadtwanderführers Esslingen, (Theiss-Verlag).


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28.11.2018, 01:00 Uhr