Schnitzereien im Wald

Holzbildhauer Kurt Haug schnitzt nicht nur Wunschbäume

Holzbildhauer Kurt Haug schnitzt nicht nur Wunschbäume

Kurt Haug arbeitet in seiner Werkstatt in Rangendingen auch mit uraltem Werkzeug.

Gesundheit, Frieden, einen Partner, Hilfe beim Examen oder schlicht ein Spielzeug. Die Wünsche sind vielfältig. Auf bunte Zettel geschrieben hängen sie am Wunschbaum auf dem Pfullinger Berg. Dort schaut ein geschnitztes Gesicht freundlich auf die Besucher. Einen weiteren Wunschbaum gibt es im Reutlinger Staatswald unterhalb der Achalm, wo die Signatur „Haug“ einen Hinweis auf den Holzbildhauer gibt. Die Spur führt nach Rangendingen. In der Gemeinde im Zollernalbkreis lebt Kurt Haug, der auch dort geboren ist.

„Schon mein Großvater hat mir beigebracht, wie man schnitzt“, erzählt der 78-Jährige. „Er war Zimmermann, hat aber auch Figürliches geschaffen. Ich musste immer genau auf die Körperanatomie und die Proportionen achten.“ Damit befindet sich Kurt Haug in langer Tradition. „Im 16. Jahrhundert waren meine Vorfahren Mühlenbauer und haben auch die sogenannten Kleiespucker geschnitzt. Das sind die Gesichter, aus deren Münder die gemahlene Kleie austritt.“ Im 19. Jahrhundert habe man sogar eine junge Kuh verkauft, um bestes Sheffield-Werkzeug kaufen zu können. Ein Schatz, den Kurt Haug sorgsam hütet. Sauber aufgereiht befinden sich Stechbeitel und Co auf der Werkbank.

Bis zur Rente habe er, so Haug, hier und da etwas geschnitzt. „Ich bin gelernter Flaschner und Heizungsbauer. Da gab es immer sehr viel zu tun.“ Doch schon 1994 entstand eine Madonna, später an einem Waldbaum ein Heiliger Sebastian. „Der katholische Priester hat die Figur gesegnet. Der Baum war der einzige, den Orkan Lothar nicht umknicken konnte.“ Am Kornbühl schuf er eine weitere Madonna. Für einen Christuskopf, die er in eine Buche geschnitzt habe, habe ihm ein Spaziergänger gedankt. „Er war krank und sagte, ihm sei das Herz aufgegangen.“ Schnitzen, so Haug, würde er übrigens nur in verletzte Bäume und so, dass es ihnen nicht schadete. Freilich sehen die Forstbehörden das Hobby teilweise nicht ganz so entspannt.

Im Ruhestand endlich konnte Haug seinem Hobby freien Lauf lassen. Er schnitzte kunstvolle Trophäenschilder für Jäger, Masken für die Narrenzunft und Sagengestalten. Vielfach nahm Haug an Ausstellungen teil. Ganz besonders angetan hatten es ihm jedoch die Kelten. Viele Jahrzehnte besaß Haug eine Jagdpacht an der Hochburg, einem prähistorischen Denkmal mit gewaltigen keltischen Wällen und Gräben. Die Kelten kehrten zurück. In Form von 10 an die Bäume gehängte Holztäfelchen, auf die Haug Köpfe schnitzte, die Darstellungen aus der Keltenzeit aufnehmen. So entdeckt man den Krieger von Hirschlanden mit seinem kegelförmigen Birkenhut oder die frontalen Köpfe des berühmten Silberkessels von Gundestrup (Dänemark), der aus der keltischen Latènezeit stammt und keltische Gottheiten und Mythen zeigt. „Ich habe mich immer sehr für Archäologie interessiert und auch keltische Fundorte wie Hallstatt besucht.“

Haugs Schnitzereien sind im Rangendinger Wald überall zu finden. Wappen sind zu sehen und ein kniender Beter, der sich an den heiligen Hubertus wendet. Doch auch der Schalk sitzt Haug im Nacken. „Fass mich an die Nase und ich bring Dir Glück“ verspricht ein Waldgeist, geschnitzt aus einer Baumwurzel. Unterhalb des Glücksbringers haben Kinder buntbemalte Steine abgelegt. Man müsse, so Haug, erspüren, welche Figur in einem Holzstück stecke und sie herausarbeiten. Als Künstler wolle er sich übrigens nicht verstanden wissen. „Ich bin Kunsthandwerker. Bei mir sieht man sofort, was es sein soll.“

Eine Kunst, die offenbar vielen gefällt. Ab und zu nimmt jemand etwas mit. Aber nach dem ersten Ärger denke er, so Haug: „Wers zom Iaberleba braucht, solls han.“ Manchmal träumt Haug auch von einem Werk. „Dann mache ich mir morgens oder gleich nachts eine Skizze davon.“ Um alles zu verwirklichen, was er vorhabe, müsse er „doppelt so alt werda“.

Vogelnistkästen mit keltischen Gesichtern, deren Mund das Einflugloch ist, gehören auch zum Repertoire. „Ich denke, dass ein Vogelmann mit so einem Heim bessere Chancen bei den Damen hat.“ Seit 2020 gibt es auch Kästen mit Hufeisen oder Kleeblatt – Glücksboten in der Coronazeit. Gabriele Böhm


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


16.09.2020, 01:00 Uhr