Der Kommentar

Immun gegen die Ungeduld

Von Vivian Viacava Galaz

Ich arbeite im Homeoffice, trage beim Einkaufen eine Schutzmaske und achte beim Gang über das Kopfsteinpflaster der Tübinger Altstadt darauf, anderen Passanten nicht zu nahe komme. Auch wenn ich aufgrund meines Alters und meiner guten Gesundheit nicht zur Risikogruppe gehöre, nehme ich die Gefahr einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus sehr ernst und verhalte mich entsprechend vorsichtig. Gegen die ansteckende Ungeduld jener Menschen, die weitere Lockerungen der Kontaktbeschränkungen fordern, bin ich als Chilenin immun. Denn ein Vergleich mit dem dilettantischen Krisenmanagement in meiner Heimat führt mir die Folgen mangelnden Verantwortungsbewusstseins von Regierungsvertretern drastisch vor Augen.

Die Menschen in Chile haben kein Vertrauen in Politiker, die Corona nicht konsequent bekämpfen. Denn nur in wenigen Gemeinden wurde eine Ausgangssperre verhängt und die Einkaufszentren sollen bald wieder öffnen dürfen. Und ein Gesundheitsminister, der öffentlich über Mutationen des Corona-Erregers zum gutartigen Virus fantasiert, hat sich selbst disqualifiziert.

Dass in Chile erst rund 13000 Fälle von Covid-19 nachgewiesen wurden, verweist auf die geringe Zahl an Tests in dem lateinamerikanischen Land. Die Medien berichteten von einer jungen Frau mit Vorerkrankungen, die am Coronavirus starb, weil sie nicht rechtzeitig getestet wurde. Und manche Chilenen müssen bis zu neun Tage auf ihr Testergebnis warten.

Die chilenische Bevölkerung versucht mittlerweile, sich mit selbstauferlegten Einschränkungen vor einer Corona-Infektion zu schützen. Viele Menschen trauen sich nicht mehr aus ihren Wohnungen, die sie bis in die hintersten Ecken akribisch desinfizieren.

Wie groß die Panik in Chile ist, wurde mir bewusst, als ich kürzlich mit meiner Familie per Zoom kommunizierte. Meine Mutter, die sich zu dieser Zeit krank fühlte, nahm ihre Gesichtsmaske auch während unseres Gesprächs nicht ab. Ich war sehr erleichtert, als sie mir zwei Tage später mitteilte, dass das Ergebnis ihres Corona-Tests negativ ausgefallen ist.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


13.05.2020, 01:00 Uhr