Vom Wetter fasziniert

Interview mit dem Wetterfilmer Marco Kaschuba

Interview mit dem Wetterfilmer Marco Kaschuba

Marco Kaschuba reist Unwettern hinterher. Bild: Gabriele Böhm

Bei einem Gewitter würde sich mancher gerne die Decke über den Kopf ziehen. Nicht so Marco Kaschuba aus Reutlingen. Der 40-jährige Familienvater ist gerade dann mit seiner Kamera unterwegs, wenn es irgendwo donnert und blitzt oder Wirbelstürme aufziehen. Vielfach stammen die ersten Aufnahmen von Wetterphänomenen, die die Fernsehsender zeigen, aus seiner Hand. Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit Kaschuba.

Können Sie sich erinnern, wann Ihre Begeisterung für Wetterlagen angefangen hat?

Ich stand oft mit meinem Großvater am Fenster, wenn es draußen gewitterte. Er hatte überall Thermometer hängen, ein Fernglas auf dem Fenstersims und war fasziniert von Wettererscheinungen.

Haben Sie die Wetterbeobachtung gleich zu Ihrem Beruf gemacht?

Nein, ich habe als Fachinformatiker zuerst im IT-Bereich gearbeitet. Aus Interesse für das Wetter habe ich dann Meteorologie an der State University of Mississippi studiert. In den USA schaut man wesentlich aufmerksamer auf das Wetter als hier. Ende der 1990er-Jahre fing ich an, das Wetter per Video zu dokumentieren. Nebenberuflich habe ich mich im Bereich Hagelforschung selbständig gemacht.

Wie kann man sich das vorstellen?

Mit einer Druckluftmaschine wird künstlicher Hagel auf Materialien geschossen, um deren Festigkeit zu testen. 2006 haben wir das Unternehmen „Hail Research Laboratory“ gegründet, [Hagelforschung].

Wie ging es dann weiter?

Als Naturmensch wollte ich lieber im Freien arbeiten. Seit 2014 bin ich Wetterreporter und Dokumentarfilmer und liefere auch Filmaufnahmen an den Tourismus, der extrem vom Wetter abhängt. Wir liefern auch Filmaufnahmen von Wetterereignissen an RTL. Auf diesem Sender habe ich auch die „RTL Wetterreise“ initiiert. Ich bin in ganz Deutschland und weltweit unterwegs. Im Idealfall kann man Wetterphänomene voraussagen und vorher dort sein, um die gesamte Entwicklung zu dokumentieren.

Hätte man auch die Flut im Ahrtal vorhersehen können?

Ein bis zwei Tage vorher war das auf den Wetterkarten zu erkennen. Es war klar, dass die Eifel ein Hotspot für Starkregen werden würde. Jedes Bundesland hat eine Hochwasserzentrale, die eng mit dem Deutschen Wetterdienst zusammenarbeitet und Landkreise und Feuerwehren informiert. Auch gibt es für größere Flüsse öffentlich einsehbare Abflussmodelle. Zusammen mit meinem Bruder bin ich sofort losgefahren, als uns klar wurde, was sich da zusammenbraut.

Was haben Sie im Ahrtal erlebt?

Als wir ankamen, gab es im oberen Flusslauf schon Hochwasser und Brückensperrungen. Wir haben mit den Anwohnern gesprochen und sie gewarnt, dass etwas Historisches auf sie zukomme. Doch sie winkten ab und sagten: „Wir kennen Hochwasser.“ Da das Wasser unglaublich schnell stieg, kamen wir selbst in Gefahr und mussten mit dem Auto über Weinbergpfade flüchten.

Waren Sie dort in Sicherheit?

Das Wasser stieg alle Viertelstunde um 30 Zentimeter. Als es dunkel wurde, stand im Tal schon alles unter Wasser. Doch auch auf der Hochfläche war alles überflutet. Wir waren dort über eine Stunde in einem Dorf gefangen, bevor wir zu unserem hochgelegenen Hotel in Bad Neuenahr zurückkehren konnten. Dort war bereits die Altstadt überflutet, Gegenstände schwammen an uns vorbei. Ich wundere mich, dass die Kommunikation vor Ort nicht funktionierte.

Wie haben Sie sich verhalten?

Wir haben geholfen, wo wir konnten und beispielsweise Autos aus der Gefahrenzone gebracht. Unser Hotel hat Flüchtende aufgenommen. Auch haben wir die ersten Bilder fürs Fernsehen geliefert. Doch am nächsten Morgen sah man Tote liegen, es stank beißend nach Benzin und Öl. Das kriegt man nicht mehr aus dem Kopf. Wir haben es nicht mehr ausgehalten und sind heimgefahren.

Sie waren auch beim Vulkanausbruch auf La Palma.

Ja, auch das konnte man im Vorfeld sehen. Wir haben täglich 16 Stunden gearbeitet, Liveschalten übernommen und Material geliefert. Mit einer Drohne kam man bis auf wenige Meter an den Vulkan heran. Die Drohne war zwar angeschmort, aber lieferte Bilder aus nächster Nähe.

Wie beurteilen Sie die Wetter-

entwicklung hier vor Ort?

Es ist längst amtlich, dass vor der Alb eine Hagelschneise verläuft. Unter anderem, weil die warme Luft aus dem Südwesten am Albtrauf aufsteigt.

Was jedoch zugenommen hat, sind Hagel- und Starkregenereignisse. Problematisch ist, dass Wetterlagen oft wochenlang hängenbleiben, so dass in einer Region sehr lange Regen oder Schnee fällt oder Trockenheit herrscht. Leider ist bei uns die Unwetterforschung sehr jung, es werden erst seit etwa 20 Jahren systematisch Daten gesammelt.Interview: Gabriele Böhm

www.marcokaschuba.com


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13.10.2021, 01:00 Uhr