Viel nicht verstanden

Jürgen Tröge erzählt, wie sich der Naturschutz in den vergangenen 30 Jahren verändert hat

Jürgen Tröge erzählt, wie sich der Naturschutz in den vergangenen 30 Jahren verändert hat

Jürgen Tröge mit einer Wechselkröte, die er in seinem Garten hält. Sie braucht Weinbergklima und karge Teiche. Bild: Gabriele Böhm

Die Gelbbauchunke ist umzugsfreudig. Selten hält es sie länger als ein Jahr an demselben Tümpel, denn dann werden Fressfeinde auf sie aufmerksam und vernichten ihren Laich und die Larven. „Optimal sind für die Unken kleine, wassergefüllte Vertiefungen, wie sie im Wald durch Rückefahrzeuge immer wieder neu entstehen“, erläutert Jürgen Tröge aus Honau.

Seit rund zehn Jahren ist Tröge Naturschutzbeauftragter des Landkreises Reutlingen und seit den 1980er Jahren im Naturschutz aktiv. Heute, sagt er, wisse man wesentlich mehr über die Tier- und Pflanzenarten als damals und könne entsprechend reagieren. Der Naturschutz, aber auch die Umwelt hätte sich deutlich verändert.

Tröge war schon als Schüler an der Natur, ganz besonders an Amphibien und Reptilien, interessiert. 1989 trat er in Reutlingen dem Arbeitskreis ‚Natur in der Stadt‘ bei. Heute ist er Vorsitzender des Vereins „Rana – Reptilien Amphibien Neckar-Alb“ sowie langjähriges Mitglied im Schwäbischen Albverein Honau und im Bund Naturschutz Alb-Neckar. „Damals waren viele jüngere Leute im Naturschutz sehr engagiert“, erinnert er sich. Auch heute legten die Vereine viel Wert auf Jugendarbeit. „Doch der Naturschutz hat heute als Freizeitbeschäftigung von Kindern und Jugendlichen einfach nicht mehr den Stellenwert von damals.“

Er verstehe, so Tröge, dass Menschen immer mehr Raum brauchten, doch keiner habe damals geahnt, wie viel sich in kurzer Zeit verändern würde. Viele Lebensräume hätten in den vergangenen Jahrzehnten weichen müssen. „Bäche und Flüsse durften früher noch über die Ufer treten und schufen Überschwemmungswiesen als wertvolles Biotop. Heute sind die Gewässer eingedämmt und viele Bereiche entwässert und drainiert.“ Mitten in den Städten habe es noch Brachflächen gegeben, die auch seltenen Insekten wie Schwalbenschwänzen Lebensraum boten. In Orschel-Hagen zum Beispiel seien in den 1960er-Jahren Rebhühner gelaufen und neben der Reutlinger Straßenbahn habe man Feldhamster springen sehen. „Heute ist das unvorstellbar.“

Für umwälzende strukturelle Veränderungen der Landschaft habe die Flurbereinigung in den 1970er Jahren gesorgt. „Sie schuf fünf bis sechs Hektar große Monokulturen. Davor hatten die Bauern viele kleine Felder mit verschiedenem Bewuchs, die den Tieren Lebensraum geboten haben.“ Gärten, die nicht top „aufgeräumt“ waren, hätten vielen Wildkräutern eine Chance geboten.

Trotzdem habe der Naturschutz vor 30 Jahren sozusagen noch in den Kinderschuhen gesteckt. „Man wusste einfach nicht so viel wie heute über die Zusammenhänge“, sagt Tröge. „Beispielsweise legten viele, die etwas für Amphibien tun wollten, einen Gartenteich an. Dann kamen Seerosen hinein, die toll aussahen, aber auch schnell Libellen anlockten, deren Larven den Nachwuchs von Amphibien fressen. Dies passiert auch, wenn man Fische einsetzt. Fische vertilgen auch Wasserflöhe, die sonst sehr gut die störenden Algen im Teich abweiden könnten.“ Die Systeme der Natur habe man vielfach nicht verstanden.

Heute gelangten, beispielsweise als Urlaubsmitbringsel, fremde Tiere und Pflanzen in die heimische Fauna und Flora. Man wisse aber nicht, so Tröge, wie diese sich auswirkten. So sei auch der Salamanderfresser, eine tödliche Pilzkrankheit, durch Amphibien aus anderen Ländern eingeschleppt worden. „Das Ökosystem ist sehr empfindlich“, so der Naturschutzwart. „Man muss sich sehr gut überlegen, welche Maßnahmen man trifft.“

Heute wisse man wesentlich mehr über die Lebensräume von Tieren und Pflanzen. „Naturschutz wird heute einfach ernster genommen als damals. Auch die Gesetze haben sich verbessert, die Strafen erheblich erhöht.“ Es bestehe eine sehr gute Zusammenarbeit und Vernetzung der Naturschutzvereine mit Behörden der Stadt und des Landkreises. Vermehrt säßen Leute vom Fach wie Biologen, Forstwirte und Landschaftsarchitekten in den Ämtern. Regelmäßig treffe man sich im Landesnaturschutzverband und tausche sich aus.

Bei bedrohten Flächen gehe man streng systematisch vor. „Der Bestandsaufnahme folgt die Planung der Maßnahmen und schließlich die Durchführung“, berichtet Tröge. Differenzierte Schutzstadien legten fest, was in einem Gebiet erlaubt sei und was nicht.

Auch das Internet sei hilfreich. Parzellengenau seien geschützte Bereiche landesweit durch den Kartendienst der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) für jedermann einsehbar.

Jürgen Tröge selbst hält, mit Genehmigung der Behörden, mehrere Reptilien- und Amphibienarten. Es sei wichtig, die Arten zu erhalten. „Abgesehen davon, dass es sehr spannende Tiere und ein Teil der Schöpfung sind, haben sie erstaunliche Fähigkeiten, die man noch gar nicht alle kennt.“ So könnten Zecken, die Reptilien befallen hätten, keine Borrelien mehr übertragen. Und das Hautsekret des Korallenfinger-Froschs aus Australien helfe gegen Viren. Gabriele Böhm


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09.09.2020, 01:00 Uhr