Der Kommentar

Blühende Phantasie

Von Martina Fischer

Blühende Phantasie

Die Herbstzeitlose spielt in der Volks- und Schulmedizin eine wichtige Rolle. Archivbild: Erich Sommer

Karl der Große ließ den September „Herbistmanoth“ (Herbstmonat) nennen, denn der September bringt allmählich den Herbst. Jetzt beginnen die Herbstzeitlosen zu blühen, die an rosa Krokusse erinnern und anstatt den Frühling den Herbst verkünden. Die Herbstzeitlose, Colchicum autumnale, gehört zu den Liliengewächsen, blüht ganz offensichtlich zur Unzeit und trägt diese Eigenart sogar in ihrem Namen. Blütezeit und Laubaustrieb sind zeitlich völlig entkoppelt und scheinen so auf ideale Weise dem Mäh-Rhythmus der Wiesen und Weiden angepasst. Sie blüht nach dem letzten oder vorletzten Schnitt und fruchtet vor dem ersten.

Die Herbstzeitlose gehört zu den Giftpflanzen und enthält ein hochwirksames Alkaloid. Alkaloide sind stickstoffreiche Verbindungen mit meist basischem Charakter, die zu den aktivsten, unmittelbar auf den menschlichen Körper wirkenden Naturstoffen gehört. Das Alkaloid der Herbstzeitlose, das Colchicin, greift direkt in die Zellteilung ein und wird bei Leukämien eingesetzt, um die krankhafte Vermehrung der Leukozyten (weiße Blutkörperchen) zu hemmen. Weitere Anwendung in der Medizin finden Alkaloide bei akuten Gichtanfällen und in homöopathischer Dosierung bei Herz- und Kreislaufstörungen.

Von einer Selbstbehandlung ist in jedem Falle aber abzusehen, denn die Herbstzeitlose ist tödlich giftig und sollte deshalb nicht gesammelt werden. Selbst das Weidevieh lässt jedes Blattbüschel von Colchicum autumnale auf der Wiese stehen. Auch verbleibt das Gift im Heu und wird selbst dort von den Tieren erkannt und gemieden.

Die sich so völlig gegen den Rhythmus der übrigen Natur verhaltenden Pflanze hat natürlich in großem Maße die Phantasie des Volkes angeregt und wurde zum Symbol für Alter, Todesahnung und Scheintod. Als Giftpflanze wird sie mit den Hexen in Verbindung gebracht, denn in der Walpurgisnacht schneiden die Hexen ihre Blattspitzen ab und machen sich einen Salat daraus.

In der Volksmedizin wendet die „Herbstkünderin“ umgehängt, oder in der Hosentasche getragen, allerlei Übel ab und schützt gegen die Kindsblattern (Windpocken), Warzen und Kopfweh. Hühneraugen wird man auf Nimmerwiedersehen los, wenn man eine Handvoll Blüten in die Schuhe legt und dann den ganzen Tag darauf herumläuft. Frauen und Mädchen zerrieben die erste Herbstzeitlose zwischen den Händen, damit diese beim Spinnen nicht wund werden. Und wer die Zwiebel der Herbstzeitlose bei sich trug, blieb frei von Pest und anderen ansteckenden Krankheiten.


Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

(c) Alle Artikel und sonstigen Inhalte der Website sind urheberrechtlich geschützt. Eine Weiterverbreitung ist nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags Schwäbisches Tagblatt gestattet.


01.09.2021, 01:00 Uhr