Der Sonne entgeht nichts

Mit dem Juni beginnt der meteorologische Sommer. Die Tage werden immer länger und die Sonnenstunden

MartinaFischer über den Juni

Mit dem Juni beginnt der meteorologische Sommer. Die Tage werden immer länger und die Sonnenstunden immer mehr, bis die Sonne am 21. Juni endlich ihren höchsten Punkt erreicht hat und damit der längste Tag und die kürzeste Nacht bevorsteht. Es ist der Tag der Sommersonnenwende, mit dem der astronomische Sommer anfängt.

Wie der Mond wird auch die Sonne als Hauptlicht bezeichnet und hat als Tagesgestirn natürlicherweise den ersten Rang. Nach traditioneller Symbolik ist die Sonne für Könige, väterliche Autorität, Ruhm und Sieg verantwortlich. Zahlreiche Religionen verbinden mit ihr den Begriff des Gottes im Himmel. Nach altem schwäbischem Volksglauben ist die Sonne das Auge Gottes, durch das er alles auf der Erde sieht, und niemand darf sich erfrechen, in dieses göttliche Auge hineinzusehen, weil er sonst auf der Stelle blind würde. Der Sonne wird auf diese Weise auch eine bösartige Natur zugeschrieben, ist doch die unerträgliche Mittagshitze der Feind aller Menschen und Tiere.

Instinktmäßig weiß jede Bevölkerungsgruppe, insbesondere die bäuerliche, um die Abhängigkeit ihres Lebens von dem Lauf der Sonne. Die für viele Völker seit frühester Zeit bezeugten rituellen Begehungen der Sonnenwenden und des Frühlingsanfangs verdanken diesem Abhängigkeitsgefühl ihre Entstehung und ihren Sinn.

Mit Sonnenuntergang begann die gefürchtete Zeit. Alle Tagesarbeiten mussten bis dahin verrichtet sein, wollte man nicht sein Glück gefährden. Jetzt galt es, die Nachtdämonen vom Haus fernzuhalten und deshalb durfte man nach Sonnenuntergang nichts mehr aus dem Haus geben, was zum täglichen Leben gehörte – vor allem keine Milch, weil sonst die Kühe verhext würden und keine Milch mehr gäben.

Eine Sonnenfinsternis galt als Vorbotin für schwere Seuchen und Katastrophen oder gar den bevorstehenden Weltuntergang. Wichtig für die Zukunftsdeutung waren aber auch Beobachtungen anderer Sonnenerscheinungen wie des Sonnenhofs. Er besteht meist aus mehreren Sonnenringen und war Gott sei Dank nur sehr selten zu sehen, denn er verhieß im Volksglauben schwere Erdbeben und sintflutartige Regenfälle. Alte Wurzeln hat auch der Glaube an die Wahrheit, die die Sonne mit ihrer Macht offenbaren könne, weil sie mit ihren überallhin gelangenden Strahlen alles sehe. Orientalische Völker des Altertums nannten sie „Sonne der Gerechtigkeit.“ Auch bei uns erzählt man sich Sagen über die Sonne, die nichts ungesühnt lasse. Folgende Redensarten haben diesen Hintergrund: „Die Sonne bringt es an den Tag.“ Und: „Es ist nichts so fein gesponnen, es kommt doch ans Licht der Sonnen!“


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12.06.2019, 01:00 Uhr