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Auf einmal war Weihnachten

Nachkriegszeit. Am Heiligabend zum Kohlen klauen

Weihnacht 1947: TA-Leserin Gerta Schube aus Gomaringen erzählt eine anrührende Weihnachtsgeschichte aus der Zeit vor 70 Jahren.

20.12.2017

Die Nachkriegswirren hatten mich und meine ältere Schwester nach Halle an der Saale verschlagen, wo wir beide mit sehr viel Glück eine winzig kleine Wohnung zugeteilt erhielten. Wir hatten jetzt eine Bleibe, ein Dach über dem Kopf, hatten Arbeit, litten aber unter fast unbezähmbarem Dauerhunger.

Mit den damaligen Zuteilungen auf die Lebensmittelkarten würde heute kein Mensch mehr auskommen. In einer Dekade gab es für uns beide zusammen etwa zwei Pfund Kartoffeln, manchmal Hülsenfrüchte, etwas Speiseöl und ein Kilo schwammartiges Brot, anstelle von Fleisch bekamen wir hin und wieder je ein Ei oder 12,5 Gramm Käse oder Quark. Bald waren die Kartoffeln ausgegangen; dafür wurden Trockenkartoffeln zugeteilt. Als auch die nicht mehr zu haben waren, erhielten wir an deren Stelle ein unappetitliches, klebriges, braunes Gemisch, das penetrant nach Maggi roch und sich Hefeflocken nannte.

In den Geschäften herrschte trostlose Leere. Trotzdem musste man täglich auf die Schaufensterscheiben achten, damit man, falls dort ein Zettel hing, nicht verpasste, was für die laufende Dekade an Nahrungsmitteln gerade „aufgerufen“ worden war. Wer zu spät kam, hatte das Nachsehen.

Das Jahr 1947 bescherte den Menschen einen sehr strengen Winter. Am Heiligen Abend hatten wir bis Mittag gearbeitet. Zu Hause erwartete uns die bitter kalte Stube. Auf den Fensterscheiben verhinderten dicke Eisblumen die Sicht nach draußen: Die letzten Reste der Holzlatten von irgend einem Gartenzaun waren verheizt. Wie sollte da Weihnachtsstimmung aufkommen?

Als es dunkel geworden war, griff meine energische Schwester plötzlich nach zwei Rucksäcken und mehreren großen Taschen. „Gehen wir“, sagte sie. Etwas später fanden wir uns auf dem Güterbahnhof ein. Anscheinend hatten noch andere Hallenser Bürger die gleiche Idee gehabt. In der Dunkelheit liefen etwa 20 Menschen zielstrebig über die Bahngleise, und wir liefen hinterdrein. Ganz am Ende stand ein langer Güterzug, voll beladen mit Briketts. Raufklettern, Briketts runterwerfen, aufklauben, Taschen füllen und davon rennen war Sache von Augenblicken, denn schon hörten wir die russischen Bewacher schreien. Sie hatten den Güterzug, der für die Sowjetunion bestimmt war, bewachen sollen, aber nicht damit gerechnet, dass die Deutschen am Heiligen Abend zum Kohlen klauen kommen würden.

Auf dem Heimweg war die Gefahr noch nicht ausgestanden, denn mit unseren verräterisch vollen Taschen konnten wir noch von der deutschen Polizei erwischt und den Russen übergeben werden.

Zu Hause, vor dem nunmehr wohlig warmen Ofen, zündeten wir die seit langem gehorteten Kerzenstummel an unserem winzigen Christbaum an, aßen mit Hochgenuss einen Teil von den Nudeln aus dem Westpaket, in Salzwasser gekocht und ohne weitere Beilagen, nur übergossen mit einer wässrigen Soße aus einem Brühwürfel. Im Radio erklang jetzt ein feierlicher Bach-Choral, und auf einmal war Weihnachten gegenwärtig – auch in uns. Wie wenig brauchten wir damals doch um glücklich zu sein! Archivbild: Grohe

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Erstellt:
20. Dezember 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Dezember 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Dezember 2017, 01:00 Uhr

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