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Leidiges Leergut

Negative Bilanz beim Flaschenpfand

Hans-Peter Schwarz leidet unter ökonomischen Kreislaufproblemen, die auch das Ökosystem belasten. Denn das Leergut seiner Obstgetränke kommt häufig nicht mehr zu dem Tübinger Produzenten zurück, sondern landet in den Automaten der Supermärkte.

28.08.2019

Hans-Peter Schwarz produziert Cider und Schorle aus regionalem Streuobst. Damit er die Verluste bei Leergut kompensieren kann, fordert er ein höheres Flaschenpfand. Bild: Andrea Bachmann

Tübingen. Es hätte alles so schön sein können. Hans-Peter Schwarz, Eventagenturgeschäftsführer und Inhaber der Tübinger „Silberburg“, hatte die gute Idee, sein geliebtes Streuobstparadies in Flaschen abzufüllen. Schwarzstoff heißt das kleine Label, unter dem Gin und Whisky, Likör und Schnaps, Cider und Schorle zu finden sind. „Meine Familie brennt seit sieben Generationen, ich bin im Streuobst groß geworden und bei uns wurde immer gemostet und gebrannt“, schwärmt Schwarz.

Zunächst gab es nur Hochprozentiges. Dann verpasste Schwarz auch dem etwas betulichen Most eine Frischzellenkur, produzierte Cider und Schorle frisch von der Streuobstwiese und füllte den „Local stuff“ in hippe Longneckflaschen. Das hatte allerdings nicht nur ästhetische Gründe: Indem Schwarz sich für eine Standardflasche entschied, wollte er sich einem Pfandflaschenkreislauf anschließen, der nicht nur praktisch, sondern auch ökologisch korrekt zu sein schien. Immerhin kann so eine Mehrweg-Glasflasche 50 Mal befüllt werden. „Ich habe gedacht, dass dieses Pfandsystem ein schöner Kreislauf ist“, erzählt er. . . . Fortsetzung auf Seite 4

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Leider funktionierte das überhaupt nicht: Von 1000 Flaschen bekommt Schwarz höchstens 600 wieder zurück. Das ist ärgerlich, denn so muss er ständig neue Flaschen nachkaufen – und macht dabei einen satten Verlust. Denn eine Flasche kostet mindestens 15 Cent – es gibt aber nur acht Cent Pfand dafür. Bei Kisten ist die Differenz noch extremer: eine Kiste hat einen Pfandwert von 1,50 Euro, kostet jedoch 3,80 Euro. Die Differenz zahlt Schwarz jedes Mal drauf.

Eine Bierflasche ist 1600

Kilometer unterwegs

Aber warum bekommt er seine Flaschen nicht zurück? Das liegt an dem Pfandflaschen- kreislauf selbst: Die meisten Menschen bringen ihre leeren Flaschen nicht zum Hersteller zurück, sondern füttern den Getränkeannahmeautomaten eines Supermarktes damit – auch mit Flaschen, die sie woanders gekauft haben. In den Getränkemärkten werden die Flaschen dann nach Form sortiert und nicht nach Firma. Von dort holt sie ein Logistiker ab, fährt sie ins nächste Lager und die Flaschen landen bei den großen Anbietern – und Hans-Peter Schwarz ist seine Flaschen los.

Abgesehen davon hat sich dann auch die gute Ökobilanz einer Pfandflasche aufgrund der kurzen Transportwege erledigt: „Eine Bierflasche fährt im Durchschnitt 1600 Kilometer weit durch die Gegend“, stellt Schwarz fest. „Das ist ein Irrsinn! Wie müssen bei Getränken viel regionaler denken, vor allem beim Wasser.“

Dazu ist das System richtig ungerecht. „Kleine regionale Anbieter, die keine riesigen Mengen machen, zahlen die Zeche für die Großen. Die Kleinen füttern sozusagen die Großen an“, ärgert sich Hans-Peter Schwarz, der seine Produkte trotzdem nicht in Plastikflaschen oder Tetrapacks anbieten will. Und seinen Kunden möchte er die Zusatzkosten auch nicht aufbrummen: „Bio und Regio sind schon teuer genug, da können wir nicht noch mehr verlangen, nur weil das Pfandsystem so ungerecht ist.“

Die einfachste Lösung des Problems wäre eine Erhöhung des Flaschen- und Kistenpfandes auf den Einkaufswert. Dann hätten auch kleine Anbieter kein Problem mit der Wiederbeschaffung ihres Leergutes, weil sie über das Pfand das Geld eingenommen haben. Warum macht man das nicht?

„Überleg mal!“ Hans-Peter Schwarz hat sich da seine Gedanken gemacht. „Die großen Anbieter haben Milliarden von Flaschen da draußen rumfliegen. Wenn das Pfand erhöht wird, müssen sie es für jede zurückgebrachte Flasche zahlen, auch für die, die noch zum alten Pfandpreis weggegangen sind. Deshalb haben die null Interesse daran.“

Hersteller müssen sich

vernetzen

Der ehemalige Vorsitzende des Handels- und Gewerbevereins sucht jetzt den Kontakt zur Politik und versucht, ein Netzwerk aufzubauen. „Wir kleinen Getränkehersteller müssen uns einfach organisieren.“

Bis es soweit ist, gibt es nur eine Möglichkeit, die kleinen Anbieter zu unterstützen: Wer eine Flasche Schwarzstoff kauft, bringt die leere Flasche auch wieder zu Schwarz zurück. „Aber das ist nicht die Lösung des Problems“, gibt Schwarz zu bedenken. „Denn wenn mein Leergut nicht mehr zu mir zurück muss, spart das ja auch Transportwege. Deshalb gibt es ja Standardflaschen – damit das Pfandsystem einen großen Pool bedient. Aber das wird nur funktionieren, wenn das Pfand dem tatsächlichen Flaschenwert angepasst wird.“ Andrea Bachmann

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Erstellt:
28. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
28. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. August 2019, 01:00 Uhr

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