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Von der Popularität nackter Popos

Nymphen, Nixen und Frauen am Wasser haben Tradition in Tübingen

08.01.2020

Ein Werk von bezauberndem sinnlichen Reiz: Die Danneckerschen Nymphen im Anlagenpark sind allein mit sich selbst beschäftigt. Bilder: Andrea Bachmann

Die Renaissance mit ihrer Wiederentdeckung der Antike machte es möglich: der unbekleidete menschliche Körper eroberte den öffentlichen Raum. Hatten bis dahin züchtig verhüllte Heilige auf Brunnen, Brücken und Säulen gestanden, war es jetzt das Personal der antiken Götterwelt, das sich in den Städten Europas ein Stelldichein der Freiluftkörperkultur gab – mit ungeahnten Freiheiten für die Künstler, die muskelbepackte Neptuns oder kurvige Bacchantinnen schufen – auch für den Tübinger Marktplatz, wo die beiden seit Beginn des 17. Jahrhunderts zu bewundern sind.

Von da an galt: Solange es sich bei den unbekleideten Schönheiten in der Öffentlichkeit um vollwertige Götter oder zumindest um Faune, Nixen, Nymphen und anderweitige Naturgeister handelte, sah das kunstbeflissene Publikum wohlwollend über die fehlenden Textilien hinweg.

1903 beschloss der Tübinger Gemeinderat, den Platz vor der Neckarmüllerei aufzuhübschen. Man plante einen Brunnen, den eine Nymphe zieren sollte. Eine Reihe Gemeinderäte hätte dort lieber einen schwäbischen Neckarflößer gesehen, der ihrer Meinung nach besser zu Tübingen passte als ein griechischer Naturgeist. Statt eines (angezogenen) Mannes entschied man sich jedoch für eine (unbekleidete) Frau und beauftragte den Tübinger Bildhauer Karl Merz mit deren Anfertigung. 1910 kniete die anmutige Schönheit aus blendend weißem Toskana-Marmor schließlich vor der Neckarmüllerei und ganz Tübingen plagte sich mit der delikaten Frage, welche Dame ihr wohl Modell gestanden hätte. Das Geheimnis blieb bis 2005 unter Verschluss. Dann verriet die Enkeltochter des Hausmeisters der Gewerbeschule, in der Karl Merz Zeichenunterricht gegeben hatte, dass ihre beiden Tanten Anna und Elise Bäder sich für den nicht unerheblichen Betrag von 10 Goldmark und ein bisschen Unsterblichkeit als Modelle verdingt hätten. 1961 riss man den Brunnen ab, fällte die Bäume und verbannte die Nymphe in den Anlagenpark, wo sie an einer Schleife des Mühlbachs ein Dasein in diskreter Zurückgezogenheit führt.

Zwei Jahre, nachdem die hübsche Nymphe auf den Brunnen vor der Neckarmüllerei gezogen war, kam dem Tübinger Kunsthistoriker Konrad Lange zu Ohren, dass die kolossal große Nymphengruppe aus Keupersandstein, die der „Vorarbeiter“ des württembergischen Hofbildhauers Johann Heinrich von Dannecker, Friedrich Distelbarth, nach einem Tonmodell ausgeführt hatte, durch eine Marmorkopie ersetzt werden sollte. Lange bat König Wilhelm II. um das bereits etwas verwitterte Original, das nach dem Ersten Weltkrieg und weiteren Irrungen und Wirrungen 1926 im Anlagenpark aufgestellt wurde. 1986 fertigte Hans Volker Dursy einen Kunststeinguss an und das Original kam in das Café der Kunsthalle Tübingen, wo bis heute alle Gäste den perfekten Po der Wiesennymphe bewundern dürfen, die der Wassernymphe aus Dankbarkeit einen Kranz auf die Stirn drückt.

Unbekleidete Männer finden sich in Tübingen auch. 1931 schmückte die Universität den Hintereingang der Neuen Aula mit zwei „Läufern“ von Ludwig Habich, der 1937 Professor der Kunstakademie Stuttgart wurde. Dessen künstlerisches Hauptmotiv waren junge Männer in Bewegung, die er in stets neuen Variationen, aber immer ziemlich klassisch-konventionell anfertigte. Modell für den Jüngling an der Neuen Aula war Friedrich Wolf, Arzt, Schriftsteller, Kommunist und Vater des DDR-Spions Markus Wolf. Er hatte in Tübingen Kunstgeschichte studiert und eine Ortsgruppe des „Wandervogels“ gegründet und wurde ausgerechnet von den Nationalsozialisten, die so angetan waren von Habichs laufenden Jünglingen, als „gemeingefährlichster Vertreter des ostjüdischen Bolschewismus“ eingestuft.

Die beiden bronzenen jungen Männer stellen keine mythologischen Naturgeister mehr dar, sondern einfach nur Männer, die laufen. Im 20. Jahrhundert musste Nacktheit im öffentlichen Raum nicht mehr mythologisch entschuldigt werden. Dafür werfen sich die beiden für einen imaginären Zuschauer ganz schön in Positur.

Das tun die drei Tübinger Nymphen nicht. Die sind allein mit sich selbst beschäftigt. Sie posieren nicht, sie stellen sich nicht zur Schau. Auch wenn zu Beginn des 19. Jahrhunderts die skandalöse Nacktheit der Nymphen als Zumutung empfunden wurde und die Spaziergänger im Stuttgarter Rosensteinpark einen weiten Bogen um dieses „Werk von bezauberndem sinnlichen Reiz“ machten.

Die amerikanische Künstlerin Carole A. Feuerman reiht sich nahezu nahtlos in diese Tübinger Traditionen ein. Sie variiert seit den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts immer wieder ein Thema: Frauen am Wasser. Allerdings kann auch sie auf Märchen und Mythologie verzichten und deshalb handelt es sich bei ihren Skulpturen weder um Nixen, noch um Nymphen, sondern um Frauen. Für „Midpoint“, die Skulptur, die das Tübinger Trio leicht bekleideter Frauen am Wasser zu einem Quartett machen soll, wie es sich Oberbürgermeister und Kunsthallendirektorin wünschen, stand die mexikanische Schauspielerin Yadira Pascault Orozco Modell. Feuermans Badende sind nicht völlig nackt, sondern tragen Badeanzug und Badekappe. Sie sind schön, aber durchaus Durchschnitt – wer an einem Sommertag eine halbe Stunde am Beckenrand des Tübinger Freibades verbringt, sieht Dutzende solcher Frauen.

Carole A. Feuerman spielt mit Themen und Motiven der Pop-Art, wozu auch die serielle Fertigung und der Konsumcharakter ihrer Skulpturen gehört – ähnlich wie die Suppendosensiebdrucke von Andy Warhol. Im Gegensatz zu ihren Kollegen Mel Ramos oder Alan Jones macht Feuerman aus ihren Frauenfiguren jedoch keine Objekte sexueller Provokation. Ihre Badenden sind ganz bei sich. Die Augen meistens geschlossen, strahlen sie Gelassenheit und Selbstbewusstsein aus. Im 21. Jahrhundert kann eine Frau ganz allein für sich am Wasser sitzen. Ohne Fischschwanz und Mythologie. Andrea Bachmann

Seit 1961 führt die Nymphe von Karl Merz ein Dasein in diskreter Zurückgezogenheit am Mühlbach.

Der Vater des DDR-Spions Markus Wolf stand Modell für diesen Läufer vor der Neuen Aula der Universität.

Weder Nixe noch Nymphe: „Midpoint“ von Carole A. Feuerman. Bild: Kunsthalle

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Erstellt:
8. Januar 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Januar 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Januar 2020, 01:00 Uhr

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