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Aus der Luft und zu Fuß (48)

Öschingen

04.10.2018

Von Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Dreimal hat Öschingen in dem Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ – dem Nachfolgeprojekt von „Unser Dorf soll schöner werden“ – in den vergangenen gut zwanzig Jahren eine Bronzemedaille bekommen. Zwischendurch sah es allerdings so aus, als hätte zumindest ein Teil des Ortes gar keine Zukunft mehr: Am 13. Juni 2013 rutschte nach starken Regenfällen ein Teil des 792 Meter hohen Dachslochberges talwärts. Eine halbe Million Kubikmeter nasse Fels- und Erdmassen bewegten sich auf den Ort zu. 15 Häuser in der Öschinger Landhaussiedlung mussten innerhalb weniger Stunden evakuiert werden. Über 13 Monate dauerte das Exil ihrer Bewohnerinnen und Bewohner, dann konnten sie wieder in ihre Häuser zurückkehren. Mit einem raffinierten System aus über 800 mit Schotter verfüllten Bohrlöchern wird der Berg jetzt entwässert, das Wasser fließt unter der Siedlung hindurch in den nahe gelegenen Öschenbach. Der Nebenbach der Steinlach quert das Dorf von Osten nach Westen.

So viel Glück hatten ihre Vorfahren in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts nicht. Im 30-jährigen Krieg brannte das ganze Dorf ab, nur eine alte Kapelle und ganze drei Häuser blieben stehen. Noch Jahre nach Kriegsende bewohnten nur 23 Menschen das Dorf, das seit 1456 zu Württemberg gehört, nachdem es bereits 1402 die Grafen von Zollern an Eberhard den Milden von Württemberg verkauft hatten.

Bald entstanden aber wieder neue Häuser in Öschingen, unter ihnen so schöne und repräsentative wie der Bolberghof, der vermutlich 1693 erbaut worden ist. Im Rahmen der sehr aufwändigen und historisch sensiblen Sanierung hat der Bauherr Andreas Schneemilch diese Jahreszahl im Gebälk eingeritzt gefunden. Bautechnisch gesehen würde diese Zahl als Entstehungsjahr passen. Andreas Schneemilch und seine Frau Sylvia haben das Haus, von dem man annimmt, dass immer wieder Bürgermeister darin gewohnt haben und dass es als Gastwirtschaft genutzt worden sein könnte, 2010 gekauft und es mitsamt Scheune und Schuppen so korrekt wie möglich saniert. Die Gefache – die Zwischenräume im Fachwerk – wurden wieder mit Lehm und Stroh aufgefüllt und das oberste Stockwerk blieb ein traditioneller Kaltdachboden. Zwischen den Dielen auf dem Dachboden fanden die Handwerker noch ein paar Körner, Überbleibsel eines früheren Getreidevorrats.

Das Bolberghaus ist nicht das einzige historische Gebäude im Ort. Eine ganze Reihe schmucker Fachwerkhäuser zeigt noch die einstige bäuerliche Grundstruktur Öschingens.

Das alte Öschinger Rathaus stammt aus dem Jahre 1700. Hier eröffnete 2001 der Holzschneider und Maler Klaus Herzer ein Holzschnitt-Museum, in dem er nicht nur seine eigenen Werke präsentiert, sondern auch in die Kunst und die Techniken des Holzdrucks einführt. Neben etwa 1800 Holz- und Metalldrucken gibt es noch Druckstöcke, Holzplastiken, Monotypien, eine Andruckpresse und Ähnliches zu sehen. Eine Druckpresse stammt aus der Werkstatt des bekannten Reutlinger Künstlers HAP Grieshaber.

Am meisten verändert hat sich Öschingen nach der Eingemeindung nach Mössingen 1971. Schon vier Jahre zuvor hatte man eine neue Schule samt Turnhalle gebaut. Dann wurden neue Baugebiete ausgewiesen und eine neue Ortsdurchfahrt ausgebaut. In den 80er-Jahren erkannte man auch die Schätze der Vergangenheit als erhaltenswert und richtete mehrere historische Gebäude wieder her. 1987 entstand schließlich eine neues Ortszentrum mit Feuerwehrhaus und Bauhof, Ortschaftsverwaltung, Bücherei, Bank, Laden und Wohnungen. Danach stand der Prämierung als schönstes und zukunftsorientiertestes Dorf nichts mehr im Wege. Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

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Erstellt:
4. Oktober 2018, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
4. Oktober 2018, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. Oktober 2018, 01:00 Uhr

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