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Der Kommentar

Pünktlich zur Verspätung

26.06.2019

Von Fred Keicher

Alles Unglück dieser Welt begönne damit, dass es der Mensch nicht aushält, ruhig zu Hause in seinem Zimmer zu bleiben, sagte der große Theologe Blaise Pascal. Er hatte eine präzise Vorstellung von Schrecken aller Art, von denen auf Erden und solchen im Himmel. Aber: Er kannte noch nicht die Deutsche Bahn.

An einem Montag im Juni fasste ein Tübinger den Plan, nach Mainz zu fahren. Mittags hin, abends zurück, so war der Plan. Eines sei gleich verraten: Verluste an Menschen sind nicht zu beklagen. Der Reisende ist wieder in Tübingen. Die Umstände abenteuerlich zu nennen, ist eigentlich falsch. Man wusste zwar nie, was als Nächstes passiert. Spannend sind Verspätungen allerdings nie.

Fährt der Zug überhaupt? Oder mit wie viel Verspätung? Im Tübinger Hauptbahnhof erfährt man: Nach und von Horb fuhr an diesem Vormittag nichts. Gut, dass man nach Mainz will, und nicht etwa nach Zürich. Noch besser, dass man so früh am Tübinger Hauptbahnhof ist, dass man einen Zug vorher Richtung Stuttgart nehmen kann. Der hat auch zehn Minuten Verspätung. Dann reicht es zum IntercityExpress von Stuttgart nach Mannheim auf jeden Fall. So eilig wäre es nicht gewesen, stellt man in Mannheim fest, der dort ins Auge gefasste Zug nach Mainz fällt aus, fährt später oder irgendetwas sonst. Jedenfalls: Mit 25 Minuten Verspätung war man dann in Mainz. Glück gehabt.

Mainz ist schön, aber nicht für die Ewigkeit. Rückfahrt um 20.42 Uhr. Verspätung 55 Minuten, sagt die Anzeigetafel. Der IC 2213 verbindet das Ostseebad Binz und Stuttgart, macht eine ausführliche Schleife durch Deutschland, hält auf allen Unterwegsbahnhöfen (natürlich nur den großen), unter anderem auch in Gelsenkirchen. Misstrauische Anfrage, ob man sich auf die Verspätung verlassen könne? Ja, ja, 55 Minuten, früher komme der Zug nicht, sagt die freundliche Dame am Info-Schalter. Es sei auch die Rekordverspätung des Tages, andere Züge hätten nur 30 oder 40 Minuten Verspätung gehabt.Tatsächlich. Der Zug kommt verdammt pünktlich zur angekündigten Verspätung. Er ist ziemlich leer. Eine Fahrkartenkontrolle findet nicht mehr statt. Stattdessen verteilt die Schaffnerin Antragsformulare für die Fahrpreis-Rückerstattung.

Hier zeigt sich die Bahn entgegenkommend. Man kriegt ja erst was zurück, wenn der Zug mehr als 60 Minuten Verspätung hat. Befürchtungen, dass es soweit nicht reicht, zerstreut die Schaffnerin mit regelmäßigen Mitteilungen: „Wir haben jetzt 60 Minuten Verspätung“, vermeldet sie stolz den Durchbruch. Ihre weiteren Durchsagen werden von ihren Heiterkeitsausbrüchen begleitet. Schließlich sind es bei der Ankunft in Stuttgart 70 Minuten Verspätung. Die Schaffnerin kann kaum noch Verbindungen ansagen, sie muss ihre Durchsagen öfters abbrechen. Wegen Lachkrämpfen.

„Wir müssen“, so beginnen neuerdings viele Politikersätze. Ja, wir müssen aufhören im Niedergang etwas Schreckliches zu sehen. Wir müssen erkennen, dass Niedergang etwas Heiteres hat. Es ist wirklich zum Lachen.

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Erstellt:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juni 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juni 2019, 01:00 Uhr

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