Kräftezehrende Sache

Reusten, das Gasthaus Lamm und der Gewichtwerfer Fritz Wenninger

Wer heute durch das immer noch verträumte Reusten fährt und gegenüber der Kirche das alte „Lamm“ auftauchen sieht, wird bei seinem Anblick kaum an Europameisterschaften oder gar Olympische Spiele denken. Dennoch gibt es da einen Zusammenhang, einen handfesten sogar.

24.06.2020

Von Arndt Spieth

Fritz Wenninger beim Kugelstoßen. Privatbilder: Arndt Spieth

Der ehemalige „Lamm“-Saal in Reusten – viele Jahre lang der kommunale Versammlungsraum des Ortes – steht da wie gegen den Wolfsberg gerammt. Der Berg seinerseits scheint an dieser Stelle wie mit einem Messer senkrecht abgeschnitten. In der Tat: Als man den Saal 1950 einweihte, hatte der damalige Lammwirt für ihn nur dadurch Platz schaffen können, indem er dem Wolfsbergvorsprung ordentlich ans Leder ging.

Fritz Wenninger hieß der Wirt und seine Leidenschaft war der Sport. 1899 als Sohn eines Fuhrmanns geboren, wuchs er mit sechs Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Zuhause war ein winziges Häuschen im alten Flecken von Zuffenhausen und laut seinen Erzählungen schliefen die Kinder oben unter den sichtbaren Dachziegeln, wo sie im Winter morgens oft erst den Schnee von den Decken schütteln mussten. Ein beliebter Ausgleich wie für so viele Jugendliche aus der Arbeiter- und Unterschicht war damals der Sport und so fand Fritz Wenninger im Kraftsportverein (KSV) Zuffenhausen bald seine zweite Heimat.

Im Ersten Weltkrieg wurde Wenninger als Marinesoldat nach Wilhelmshaven eingezogen, wo er laut Zeitzeugen täglich trainierte. Dieses intensive Training rettete ihm wenig später wohl das Leben, denn bei hohem Seegang wurde er über Bord gespült und von der Besatzung erst nach einigen Stunden in den hohen Wellen entdeckt.

Nach dem Ersten Weltkrieg stellten sich bei Fritz Wenninger rasch erste sportliche Erfolge ein. Seine Schwerpunkte lagen erst im Gewichtheben und -werfen, sie verlagerten sich aber bald hin zum Kugelstoßen, Hammer- und Diskuswerfen und dem damals sehr populären Steinstoßen. 1919 wurde er württembergischer Meister im Gewichtheben (Schwergewichtsklasse) und ab 1920 gewann er zahlreiche regionale Meisterschaften. Am 13. Juni 1921 wurde Fritz Wenninger Europameister in Offenbach am Main im Steinstoßen (10,41 Meter) und im Gewichtwurf (Schwergewicht) und im August Deutscher Meister ebenfalls im Steinstoßen.

Fritz Wenninger bei der Marine in Wilhelmshaven.

Am 7. August 1921 gewann Wenninger in Plauen die deutsche Meisterschaft im Gewichtwurf (19,46 Meter). Neben seiner Mitgliedschaft im Kraftsportverein Zuffenhausen gehörte er aber bald auch der Leichtathletikabteilung der Stuttgarter Kickers an. 1922 wurde er in Duisburg Deutscher Meister im Kugelstoßen und als erster Deutscher übertraf er im Kugelstoßen die 14-Meter-Marke und holte sich mit damals sensationellen 14,68 Metern eine weitere deutsche Meisterschaft. Darüber hinaus wurde ihm eine besondere Ehrung zuteil, als er bei erfolgreichen Wettkämpfen in Stockholm, Göteborg und Malmö einen damals sehr beachteten norwegischen Rekord aufstellte. Das Jahr 1923 brachte weitere sportliche Höhepunkte. So wurde er in Frankfurt dreifacher Deutscher Meister im Steinstoßen, Gewichtwurf und Kugelstoßen und beim Leichtathletik-Länderkampf Deutschland– Schweiz gewann er das Kugelstoßen.

Am 7. September 1924 gewann er in Neunkirchen (Saar) die Europameisterschaften im Diskuswurf, Kugelstoßen und Kugelwurf. Zudem trat er 1928 für die Stuttgarter Kickers an und wurde Deutscher Meister im Hammerwurf. In dieser Disziplin blieb er lange Zeit Rekordhalter mit 47,34 Metern. Insgesamt erreichte Wenninger neben den oben erwähnten Europameisterschaften 15 deutsche Meisterschaftstitel. 1932 war der mehrfache Meisterwerfer auf der deutschen Teilnehmerliste für die olympischen Spiele in Los Angeles gemeldet. Leider zog er sich kurz zuvor eine Handverletzung zu, weshalb er die Teilnahme absagen musste.

Neben seiner sportlichen Karriere verdiente Wenninger sich sein Geld als Redakteur der Sportzeitung „Athletik“ – und als Gastwirt. 1933 heiratete er Bertha Bühler aus Reusten und pachtete mit ihr zuerst eine Gaststätte in Zuffenhausen und später den Crailsheimer Hof im Stuttgarter Westen. Die politischen Entwicklungen in Deutschen Reich bereiteten dem damaligen SPD-Mitglied große Sorgen. Durch seine internationalen Wettkämpfe hatte er viele Freunde in den europäischen Nachbarländern gewonnen und stand dem neuen Nationalismus sehr ablehnend gegenüber. An den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nahm er als Betreuer der deutschen Schwerathleten, vor allem Ringer und Gewichtheber, teil.

So viele Medaillen und Preise hatte Wenninger schon Mitte 1920.

1940 musste Wenninger wieder in den Krieg und wieder war er in Wilhelmshaven stationiert. Als er 1945 nach Stuttgart zurückkehrte, lag der Crailsheimer Hof, wie große Teile der Stuttgarter Innenstadt, in Trümmern und er zog zu seiner Frau Bertha und Tochter Lore (meine Mutter) nach Reusten, die dort bereits im Gasthof Lamm, der ihren Schwiegereltern gehörte, mit anderen ausgebombten Familien Zuflucht genommen hatten. Bald danach begann er mit dem Umbau der früheren Ställe im Erdgeschoss zu Gasträumen. Gaststuben im 1. Stock waren inzwischen aus der Mode gekommen. Zudem wurde nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren wieder überall mit Begeisterung getanzt und gefestet, als wollte man das Leben irgendwie nachholen. Für einen dafür notwendigen Festsaal trug Wenninger Ende der 1940er-Jahre eigenhändig einen Teil des Reustener Wolfsbergs hinter dem Gasthof ab und baute den Saal mit Küche – das meiste in Eigenleistung, denn Geld war damals knapp. Eine staubige und kräftezehrende Sache, die seine Gesundheit ruinierte.

Als er 1951 in einer Tübinger Klinik starb, versammelten sich Sportkameraden und Freunde aus der ganzen Bundesrepublik und auch aus dem benachbarten Ausland auf dem Reustener Kirchberg bei seiner Trauerfeier und in der Zeitung „Der Sportbericht“ erschien ein rührender Nachruf: „Auf dem kleinen Friedhof oberhalb des Ammertälchens blickte eine Schar alt und hart gewordener Männer mit feuchten Augen ihrem Fritz ins Grab. Minuten vor seinem Tode hatte der immer noch bärenstarke Mann seiner 17jährigen Tochter erklärt, er werde nicht sterben, sondern im nächsten Jahr mit ihr zusammen zu den Deutschen Meisterschaften fahren, um zu sehen, wie sie das Kugelstoßen gewinne. Der Tod ist unerbittlich und stärker als der Stärkste. Eine Lungenentzündung mit Embolie nahm dem Mädchen den Vater und uns Sportlern den erst 52-jährigen Kameraden viel zu früh.“ Zehn Jahre später, am 27. Mai 1961, fand ihm zu Ehren in Stuttgart-Zuffenhausen ein Fritz-Wenninger-Sportfest statt.

Heute ist Ruhe eingekehrt im Gasthaus Lamm im heutigen Ammerbuch. Es wechselte inzwischen den Besitzer und Saal und Gasträume wurden zu Wohnungen umgebaut. Aber die Felswand ragt noch fast unverändert in die Höhe.

Unser Autor Arndt Spieth ist der Enkel von Fritz Wenninger, den er aber nicht selbst kannte. Spieth ist erst viele Jahre nach Wenningers Tod geboren.

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Erstellt:
24. Juni 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Juni 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Juni 2020, 01:00 Uhr

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