Aus der Luft und zu Fuß (55)

Rottenburg-Ehingen

Von Andrea Bachmann

Nach dem Untergang des Römischen Reiches ging es auch mit Sumelocenna bergab.

Rottenburg-Ehingen

Bilder: Erich Sommer

Im Umkreis der Römerstadt am Neckar entstanden mehrere neue Siedlungen, die größten waren Ehingen auf dem südlichen Neckarufer und Sülchen im Nordosten von Sumelocenna.

Um das Jahr 1280 herum gründete Graf Albrecht II. von Hohenberg dann auf dem Gebiet der ehemaligen Römerstadt eine richtige neue Stadt mit Markt und Mauern. Die heißt Rottenburg – was entweder auf die roten Mauern oder die verfallene Vorgängerstadt hinweist, der Name wird bereits 1274 in einer Urkunde erwähnt. Diese Stadtgründung war so erfolgreich, dass die Siedlung Sülchen nach und nach aufgegeben und Ehingen zu einem Stadtteil des neuen Rottenburgs wurde. Man bezog es in den inneren Mauerring ein und baute im 14. Jahrhundert den Pulverturm.

Die ursprüngliche Pfarrkirche Ehingens stand an der Stelle der heutigen Klausenkapelle. Aber 1364 wurden deren Pfarrrechte auf die Stiftskirche St. Moriz übertragen.

Bereits im 10. Jahrhundert befand sich am südlichen Neckarufer eine Mauritiuskapelle. Angeblich hatte eines Tages „ein großer Herr“ St. Moritz in der Schweiz geplündert. Als er mit den geraubten Reliquien durch Ehingen kam, blieben seine Pferde stehen und weigerten sich, auch nur einen Schritt weiter zu traben. Daraufhin überließ der „große Herr“ die Heiligtümer den Herren von Ehingen, die ihnen eine angemessene Bleibe errichteten. Die Mauritiuskapelle entwickelte sich bald zu einer wichtigen Wallfahrtsstätte. 1209 wurde sie durch einen Neubau ersetzt, von dem noch heute ein unterirdischer Raum erhalten ist. Der wurde 1973 zufällig unter dem Chor der heutigen Kirche wieder entdeckt – inklusive gut erhaltener Fresken aus dem frühen 13. Jahrhundert! Vermutlich hatte man hier die Reliquien des heiligen Mauritius aufbewahrt.

Um 1300 begann man mit dem Bau der heutigen Kirche mit einer Krypta unter dem Chor, die als Grablege der Herren von Hohenberg genutzt wurde. Die prächtige Innenausstattung mit den beeindruckenden Fresken im Chor, an den Pfeilern und im Obergaden verschwand im 18. Jahrhundert. In der Barockzeit hatte man es lieber lichter und leichter als im Spätmittelalter und gestaltete das Langhaus komplett um. Von 1969 bis 1975 renovierte man die Morizkirche dann wieder in die Gotik zurück, beseitigte die barocken Zutaten und machte die Fresken wieder sichtbar.

Gleich neben St. Moriz steht eine weitere Kirche am Ehinger Neckarufer. Als 1806 das Herzogtum Württemberg durch Napoleons Gnaden zum Königreich erhoben wurde, kam auch Rottenburg zu Württemberg. 1818 entstand in der vorderöstereichischen Stadt eine evangelische Gemeinde, die somit drei Jahre älter ist als das Bistum Rottenburg, das 1821 gegründet wurde. Aber erst 1841 verschlug es einen evangelischen Pfarrer in die Rottenburger Diaspora und die ersten Gottesdienste fanden in St. Moriz statt. Im Jahr 1856 baute der Architekt Theodor Landauer den Rottenburger Protestanten schließlich ein eigenes Gotteshaus, das allerdings wesentlich kleiner als die Morizkirche war.

In den Jahrhunderten zuvor hatte man in Rottenburg für andere als katholische Glaubensrichtungen nur sehr wenig übrig gehabt. Richtig schlimm war das für Michael und Margarethe Sattler. Das Ehepaar lebte ab 1525 in Zürich und gehörte dort der frühen Schweizer Täuferbewegung an, die eine Gläubigentaufe anstelle einer Kindertaufe vorsieht und ihre Anhänger auf einen unbedingten Pazifismus verpflichtet. Im Mai 1527 wurden die beiden, als sie in der Grafschaft Hohenberg für die Täuferbewegung warben, in Horb verhaftet und nach Rottenburg gebracht. Zwei Tage später folterte man Michael Sattler grausam zu Tode und verbrannte anschließend seinen Leichnam. Margarethe durfte ihren Mann noch auf seinem letzten Gang beistehen. Am nächsten Tag ertränkte man sie im Neckar. In der evangelischen Kirche erinnert eine Gedenktafel an das Paar.


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28.11.2018, 01:00 Uhr