Wo Fantasy keine Grenzen kennt

Seit 15 Jahren schlummert im Herz der Tübinger Altstadt das Fantasy Empire

Von modernen Tabletopspielen bis zu Klassikern wie „Die Siedler von Catan“, ob Actionfiguren, Comics oder Sammelkarten – im Fantasy Empire in der Tübinger Ammergasse finden Fantasy-Liebhaber alles was das Herz begehrt.

24.02.2016

Wer in der Tübinger Altstadt spaziert, der fühlt sich an einem bestimmten Punkt unweigerlich ins New York der Marvel Comics versetzt. Denn in der Ammergasse 14 begegnet einem urplötzlich eine überlebensgroße Spider-Man Figur. Der stille Superheld ist aber nicht ganz zufällig da. Er bewacht die Pforten eines Paralleluniversums voller Magie, Fiktion und Fantasie: das Fantasy Empire.

Wer mutig genug ist einzutreten, den erwartet ein kleines, aber feines Labyrinth aus fantasiegefüllten Regalen, Vitrinen und Tischen. „Die Besucher sollen den Laden erkunden und verschiedene Ecken entdecken, ohne alles steril vorgesetzt zu bekommen“, verkündet der Herrscher dieser Fantasy-Welt Dieter Mucha. Seit 15 Jahren ist der gelernte Bankkaufmann Besitzer des Ladens und beglückt Fantasy Anhänger mit einem umfangreichen Sortiment.

Zu entdecken gibt es allerhand in dem von außen eher unscheinbaren Laden. Angefangen von Brett- und Kartenspielen über Figuren berühmter Action- oder Mangahelden bis hin zu Büchern, Comics und Graphic Novels. Dieter Muchas Reich beherbergt alles, was die Fantasyszene zu bieten hat.

Besonders stolz ist Mucha auf die Steampunk-Ecke mit der Comicreihe Steam Noir: „Diese ausgefallenen Schätze haben eine ganz eigene und treue Anhängerschaft“, erklärt er. Zur Erläuterung: Steampunk ist eine aus den 80er Jahren stammende Kunstform, die futuristisch-technische Funktionen mit Mitteln des viktorianischen Zeitalters verbindet. Besonders hervorzuheben ist die lokale Anbindung der Comicreihe: Die Steam Noir Comics haben nämlich einen Tübinger Ursprung. Ihr Zeichner Felix Mertikat hat in der Universitätsstadt für kurze Zeit Biologie studiert.

Neben den ausgefalleneren Comics vertreibt Mucha natürlich auch die klassischen Comics der Marvel Reihe um Superhelden wie Spider-Man oder die Avengers. Traditionelle japanische Mangas wie „Dragon Ball Z“ und „Detektiv Conan“ komplettieren das Repertoire. Wer trotz der ohnehin großen Auswahl nicht fündig geworden ist, den kann Dieter Mucha beruhigen: „Alles was nicht da ist, kann bestellt werden.“

Aber Kunden aufgepasst: Es tobt ein erbitterter Kampf im sonst so idyllischen Fantasy-Reich von Dieter Mucha. Das Ladenoberhaupt erklärt die Situation: „Die Comics leiden unter den immer beliebter werdenden Mangas.“ Doch Comicfreunde können durchatmen: „Die X-Men und die Avengers schlagen auf Seiten der Comics zurück“, versichert Mucha.

Das Fantasy Empire ist immer für eine Überraschung gut: „Was viele nicht wissen: Wir haben uns zwar auf Fantasy spezialisiert, sind aber auch eine ganz normale Buchhandlung mit komplettem Sortiment“, verrät Dieter Mucha und fügt an: „Wir bestellen auch Sachbücher.“ Wer dem Tipp des Besitzers folgt und den Laden einmal ausführlich erkundet, wird überrascht sein, wie groß das Büchersortiment tatsächlich ist. In den verwinkelten Ecken des Ladens versteckt sich neben berühmten Fantasywerken wie Harry Potter oder Der Herr der Ringe ein wirklich märchenhaftes Regal. Dort tummeln sich Märchenbücher aus 1001 Nacht, russische, aber auch japanische und indianische Märchen.

Eine besondere Rolle in der Fantasy Branche spielt für Dieter Mucha nach wie vor Der Herr der Ringe: „Die Bücher von J.R.R. Tolkien und die dazugehörigen Filme haben Fantasy hoffähig gemacht“, meint der Experte. Dementsprechend ist die Fantasygemeinschaft in den letzten Jahren immer weiter gewachsen. Fans von Rollenspielen oder Sammelkarten wie Yu-Gi-Oh! haben sich immer weiter organisiert und professionalisiert. Dazu, dass sich die Fantasy-Anhänger zu einer realen Gemeinschaft entwickeln können, trägt auch der Laden in der Ammergasse 14 bei. Hier können Fantasy-Liebhaber nicht nur Dinge kaufen und sich beraten lassen, sie haben auch einen festen Treffpunkt.

Zweimal die Woche haben Freunde von Sammelkartenspielen die Möglichkeit sich im Hinterzimmer zu versammeln, Karten zu spielen und zu tauschen. Jeden Dienstag ist Magic-Tag für Fans der Magic-Sammelkarten und jeden Freitag ist Yu-Gi-Oh! Tag. Zudem veranstaltet Dieter Mucha alle drei Monate ein Magic-Turnier – „immer dann wenn eine neue Edition des Kartenspiels auf den Markt kommt“, erklärt der leidenschaftliche Ladenbesitzer.

Aber nicht nur Sammelkartenspieler kommen im Fantasy Empire auf ihre Kosten. Auch Anhänger von Rollenspielen, in Fantasykreisen Tabletopspiele genannt, sind hier richtig. Die Tabletopspiele erfordern ein hohes Maß an Kreativität und Eigeninitiative der Spieler. Für jedes gespielte Abenteuer gibt es einen Spielleiter, der sich eine Rahmengeschichte überlegt. Die verschiedenen Spieler übernehmen dabei jeweils die Rolle eines Helden. Sie bestimmen dessen Aussehen, seine Charaktereigenschaften und seine Fähigkeiten. Gespielt wird mit kleinen Figuren, welche den Helden darstellen, auf einem selbstgewählten und selbstentworfenen Spielfeld.

Die Spielfiguren sowie jegliches Zubehör sind fester Bestandteil im Sortiment des Fantasy Empires. Beim Kauf sind die Figuren unbemalt und können von den Spielern selbst gestaltet werden. „Die passenden Farben haben wir auch vorrätig“, sagt Mucha und ergänzt: „Wir versuchen regelmäßig Malworkshops anzubieten, sodass auch Neueinsteiger die Figuren nach ihren Wünschen bemalen können.“

Die Rollenspielszene ist in Tübingen ohnehin sehr gut aufgestellt: So gibt es den Rollenspielverein „Troll“ e.V. und das Tabletopspiele-Forum www.tuebeltop.de. Hier können sich gleichgesinnte Spielefreunde treffen und Austauschen. „Der soziale Anschluss ist uns sehr wichtig, denn man möchte ja auch mit neuen Leuten spielen“, betont Mucha. Das ist auch ein großer Vorteil gegenüber dem Internethandel oder virtuellen Fantreffs. „Hier entstehen Freundschaften“, freut sich der Fantasyladenbesitzer. Dass Brettspiele auch im virtuellen Zeitalter weiter ihren Wert haben, sieht Mucha in den Tabletopspielen: „Gerade sie sind eine gute Gegenströmung im Onlinezeitalter, denn es ist ein Spiel am Tisch“, beschreibt er deren Vorteile.

Aber natürlich macht der Onlinehandel auch dem Einzelhandel, der sich auf Fantasy konzentriert hat, zu schaffen. „Zum Glück habe ich einen großen Stammkundenkreis, aber man kann eben nicht mehr länger als ein halbes Jahr im Voraus planen“, gesteht Mucha. In den letzten Jahren gab es aber auch positive Entwicklungen. „Die Abschaffung der Studiengebühren hat das Geschäft nochmal belebt, denn ein Großteil der Kunden sind Studenten und das ist genau das Geld, dass sie nun übrig haben“, freut sich Mucha. Doch bei aller Begeisterung über den Aufwind in der Fantasy Branche hat der neu entfachte Hype auch Nebenwirkungen für kleine Geschäfte wie das Fantasy Empire. Denn viele der Mangas, Sammelkarten und Actionfiguren gehören mittlerweile zum Mainstream und wurden von großen Spielwarenläden und Kaufhäusern ins Sortiment übernommen. „So ein Beispiel war Halloween“, erzählt Mucha. „Das begann 94/95 und nachdem es immer beliebter wurde, haben wir uns entschlossen es letztendlich aus dem Programm zu nehmen.“ Der Fantasy-Fan ist seit über 15 Jahren im Geschäft und weiß: „Wenn sich gewisse Sachen komplett durchsetzen, schadet das mir als kleiner Spezialladen.“ Aber solange es noch genügend Schätze für Fantasy-Liebhaber gibt, wird Dieter Mucha weiter Jung und Alt in seinem Reich beglücken. Getreu dem Ladenmotto: „Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit.“ Tim Porzer

Das Fantasy Empire in Tübingen ist eine wahre Schatzkiste für Fantasy--Freunde. Bilder: Porzer

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Erstellt:
24. Februar 2016, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
24. Februar 2016, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 24. Februar 2016, 01:00 Uhr

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