Der Kommentar

Hygiene statt Föderalismus

Von Angelika Brieschke

Seit vielen Wochen bestimmt ein Virus unser Leben. Die erste Corona-Welle scheint überstanden. Zeit, eine Zwischenbilanz zu ziehen.

Wir haben viel gelernt: Neben Fachbegriffen, Verhaltensmaßregeln, Bundesländergrenzen und dem Deuten von exponentiellen Kurven zum Beispiel auch, dass wir in Deutschland erstaunlich bedeutende Experten in Berufen haben, von denen wir bis vor kurzen wenig bis gar nichts wussten: Virologen, Epidemiologen, Modellierer. Und noch erstaunlicher: Sie sind trotz naturwissenschaftlicher Reputation problemlos in der Lage, ihr Wissen in eine verständliche Alltagssprache und in für uns verständliche Verhaltensvorschriften zu übersetzen – wie Abstand halten, richtig Niesen, Hände waschen.

Hände waschen ist toll: Das ist Hygieneschutz mit einfachen Mitteln und in einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis. Warum haben wir das nicht schon immer gemacht? Das sollten wir beibehalten.

Föderalismus ist doof. Brave Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind schon mit sich ständig ändernden Straftatsbeständen heillos überfordert. Da braucht es nicht noch alle paar Kilometer an einer imaginären Bundesland-Grenze diffizil andere Vorschriften. Oder wussten Sie stets genau, mit viel Personen aus wie vielen Haushalten Sie auf einer Bank sitzen, sich in einer Shisha-Bar treffen oder in einem Drogeriemarkt um die letzte Packung Klopapier prügeln durften?

Ich bin für Mund-und-Nasen-Schutz nicht nur bei realen Menschenansammlungen, sondern auch bei digitalen Zusammenkünften. Ich musste in letzter Zeit bei Videokonferenzen erschreckend oft und nah in stark vergrößerte Nasenlöcher schauen.

Ob der Quantensprung im digitalen Dilettieren was gebracht hat, wird sich zeigen. Noch nie habe ich in so kurzer Zeit und gegen meinen ausdrücklichen Willen so viele neue Digitalangebote kennengelernt – Jitsi-Meet, Zoom, Teams, Bigbluebutton, Moodle. Leider liegt der Schwerpunkt beim Begriff „kennen“, nicht „können“.

Das nächste Mal, wenn der Bundesgesundheitsminister sagt: „Wir sind gut vorbereitet“, dann gehe ich Klopapier kaufen. Sofort.


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24.06.2020, 01:00 Uhr