Barrieren auch im Kopf abbauen

Silvia Pflumm berät Kreisbewohner mit Behinderung in allen Lebenslagen

Silvia Pflumm ist seit Dezember 2020 die Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung für den Landkreis Tübingen. Inklusion beginnt im Kopf, sagt sie.

16.06.2021

Silvia Pflumm ist Ansprechperson für die Kreisbewohner mit einer Behinderung und für ihre Angehörigen. Privatbild

TAGBLATT ANZEIGER: Frau Pflumm, was genau ist eine Behinderung?

Silvia Pflumm: Von einer Behinderung spricht man, wenn die Beeinträchtigung einer körperlichen Funktion, einer geistige Fähigkeit oder der seelischen Gesundheit sehr wahrscheinlich länger als sechs Monate dauert und vom für das Lebensalter typischen Zustand abweicht. Und wenn das die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt. Anspruch auf einen Schwerbehindertenausweis haben Menschen ab einem Grad der Behinderung (GdB) von 20. Ab 50 Prozent gilt man als schwerbehindert und erhält dadurch beispielsweise einen erweiterten Kündigungsschutz oder Zusatzurlaub.

Sie waren in Mössingen die Beauftragte für Menschen mit Behinderung. Was ändert sich mit dem neuen Amt?

In Mössingen war ich ehrenamtlich beauftragt für die Belange der Stadteinwohner mit Behinderung. Ich kümmerte mich um persönliche Anliegen und habe die Stadt beraten, etwa bei der Planung der neuen Stadtmitte. Hauptamtlich war ich freigestellte Personalratsvorsitzende und Schwerbehindertenvertretung für die Kolleginnen und Kollegen der Stadt und Stadtwerke.

Das Amt der Kreisbehindertenbeauftragten ist eine gesetzlich definierte Aufgabe. Nun bin ich Ombudsfrau, also Ansprechperson für Betroffene und Angehörige im Landkreis. Und außerdem berate ich die Kommunen und die Kreisverwaltung zur Politik für Menschen mit Behinderung. Aktuell gibt es eine Teilfortschreibung des Nahverkehrsplans, in dem Barrierefreiheit ein wichtiges Thema ist.

Welche Aufgaben haben Sie noch?

Ich bringe die Inklusion voran, unterstütze Organisationen und Selbsthilfegruppen von Menschen mit Behinderung, immer im Blick auf die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, die in Deutschland seit 2009 in Kraft ist. Eine weitere Aufgabe ist die Öffentlichkeitsarbeit. Meine Aufgabe als Kreisbehindertenbeauftragte gefällt mir sehr gut, denn wenn man selber wegen einer Gehbehinderung oft genug auf Barrieren stößt, erfüllt es einen, daran mitwirken zu dürfen, diese abzubauen.

Barrierefreiheit beginnt im Kopf, aber die Gedanken müssen auch in die Tat umgesetzt werden. Jeder sollte sich die Frage stellen: Wie kann ich inklusiv handeln? Meine Aufgabe sehe ich auch im Zuhören, Probleme erfassen und darin, mich dann der richtigen Stelle einzubringen.

Wer hilft Angehörigen und Menschen mit Behinderung weiter?

Es gibt im Landkreis gute Anlaufstellen, etwa den Beratungs- und Sozialdienst für Menschen mit Behinderungen und ihre Familien, die Pflegestützpunkte, den Landesverband Selbsthilfe Körperbehinderter BW e. V. oder die ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten in den Gemeinden.

Wo gibt es besonderen Handlungsbedarf?

Den gibt es auf allen Ebenen: Politisch, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden, und auf der Ebene der Beratung von Betroffenen, damit diese Gehör finden. Immer kommen neue Themen dazu. Impfzentren sollen gut zugänglich sein und Menschen mit Behinderung sollen weder in der Betreuung noch in der Impfpriorisierung vergessen werden. Ein großes Thema ist auch, wie Digitalisierung allen Menschen nützen kann. Die Einfache Sprache muss noch mehr umgesetzt werden, weil ich nur mitreden und entscheiden kann, wenn ich auch verstehe, was ich lese oder höre.

Gibt es besondere gesellschaftliche Meilensteine?

Durch die Bundes- und Landesbehindertengleichstellungsgesetze, die seit 2002 bzw. 2014 gelten, wird die Benachteiligung von Menschen mit Behinderungen beseitigt bzw. verhindert. So sollen etwa alle öffentlich zugänglichen Gebäude barrierefrei sein. Was die Privatwirtschaft anbetrifft, sind wir noch lange nicht soweit. Deshalb möchte ich hier auf das Projekt #1BarriereWenigerFörderung von Aktion Mensch hinweisen. Bis zu 5000 Euro gibt es für Aktions-Ideen, die zu weniger Barrieren und mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben führen. Zehn Millionen Euro sollen in einem Jahr investiert werden, um 2000 Barrieren abzubauen.

Wie denken Sie persönlich über Behinderungen nach?

Mit der Behindertenrechtskonvention kam die Denke, dass behinderte Menschen über das Adjektiv ‚behindert‘ definiert werden. Wir sind aber in erster Linie Menschen wie alle anderen auch. Und wir sind nicht behindert, sondern werden durch Barrieren behindert. Und wir haben eine Beeinträchtigung - wie jeder andere auch (schmunzelt). Insgesamt kommt erst das Denken, dann kommen neue gesellschaftliche Regeln.Fragen von Monica Brana

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Erstellt:
16. Juni 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. Juni 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. Juni 2021, 01:00 Uhr

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