Berührende Indierock-Epen

The Notwist gelten als international beachtetes deutsches Musikphänomen

The Notwist haben während der Pandemie das neue Album „Vertigo Days“ aufgenommen, welches das Musikphänomen aus Weilheim am Freitag auf dem Reutlinger Echaz-Hafen-Areal vorstellt. Mit dabei sind auch die beiden Seitenprojekte der Band, Fehler Kuti und Die Hochzeitskapelle.

28.07.2021

Markus Acher, ist einer der Gründer von Notwist. Bild: Jürgen Spieß

The Notwist stammen aus dem tiefsten Oberbayern, aus Weilheim, gelegen auf halber Strecke zwischen München und den Alpen. Dem dortigen Menschenschlag sagt man oft nach, dass sie die Sentenz „Mia san mia!“ zum Lebensmotto erkoren haben. Das mag oft den Tatbestand der üblen Nachrede erfüllen, auf Notwist trifft es zu. Allerdings ist ihr „Mia-san-mia“ nicht als engstirnige Dumpfheit zu interpretieren, sondern als Individualität, die so eigenwillig ihre Kreise zieht, dass sie ihnen nie als Durchtriebenheit ausgelegt werden kann.

Nach der Bandgründung 1989 erschien ihr selbstbetiteltes Debütalbum im Jahr 1990. Es enthielt musikalisch gesehen eine Mischung aus Punk, Rock und Metal. Schnell entwickelten sich The Notwist zu einer angesehenen deutschen Independent-Rockband, die als Mittelpunkt eines Netzwerkes von mehr oder weniger eng miteinander verknüpften Projekten in und um ihren Heimatort Weilheim galt. Anfang der 1990er-Jahre nahmen sie zunächst zwei Hardcore-Platten und dann eine Alternative-Rock-CD auf. Richtig bekannt in der Szene wurde die Band 1997, als Martin Gretschmann alias Console zur Band stieß und überaus komplexe, elektronische Beats beisteuerte. Seine Wirkung entfaltete der neue Notwist-Sound aber auch deswegen, weil die Gründer der Band, Markus und Micha Acher, mehr von ihren eigenen musikalischen Wurzeln mit einbrachten: den Jazz etwa, den sie seit frühester Jugend einstudiert und bereits in zahllosen Nebenprojekten ausgelebt hatten.

Auf „Neon Golden“, ihrem Meisterwerk aus dem Jahr 2002, das in seiner Wirkung durchaus mit Kraftwerks „Autobahn“ zu vergleichen ist, kam ein exzellentes Gespür hinzu, wie man gut geschriebene Rocknummern durch Klang, instrumentelle Dynamik, dezente Bläser und Elektronik zu unnachahmlichen Klassikern aufwertet. Zum Jahreswechsel 2014/2015 verließ Martin Gretschmann die Band und in diesem Jahr erschien The Notwists zwölftes Album „Vertigo Days“, die erste offizielle CD nach sechs Jahren und ohne Martin Gretschmann. Das Album wurde unter Corona-Bedingungen weitgehend übers Internet produziert, außerdem wirkten zahlreiche Gastmusiker mit, darunter der Japaner Saya Ueno (Gesang), die US-Amerikanerin Angel Bat Dawid (Klarinette) und die Argentinierin Juana Molina (Gesang und Keyboards).

Die Musik von The Notwist ist damit rhythmisch noch variabler geworden, was auch mit Andi Haberl zu tun hat, der 2007 zur Band stieß. Gleichzeitig spielt die Band mit Verve und Energie. Ihr Sound ist breit und bis an die Oberkante gesättigt von drängenden Beats, im Gegensatz zu früher lassen sie den einzelnen Tönen aber mehr Raum zur Entfaltung. Die Kraft und Energie, die ihren Songs innewohnt, richtet sich nach innen wie nach außen. Den Weltschmerz und die Seelenpein, die sie ebenfalls verströmen, kommt ohne jede Weinerlichkeit aus. Sie sind das Konzentrat langjähriger Erfahrungen. Alles, was The Notwist produziert, wirkt ungemein austariert, klug erweitert und geschmackvoll arrangiert.

Nicht erst mit ihrem neuesten Album „Vertigo Days“ haben sich die Brüder Markus (Gesang, Gitarre) und Micha Acher (Bass), das feste Bandmitglied Andreas Haberl (Drums) und die aktuellen Livemusiker Max Punktezahl (Gitarre, Keyboard), Karl Ivar Refseth (Vibraphon) und Christoph „Cico“ Beck (Elektronik in der Championsleague des Indierock etabliert. Jürgen Spieß

The Notwist treten am Freitag, 30. Juli, 20 Uhr, hinter dem Reutlinger franz.K auf dem Echaz-Hafen-Areal auf. Als Vorbands spielen Fehler Kuti und Die Hochzeitskapelle.

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Erstellt:
28. Juli 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
28. Juli 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 28. Juli 2021, 01:00 Uhr

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