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Tübinger Fußball-Ikone Wolfgang Schneck und seine Sicht der Weltmeisterschaft
Attraktive Fußball WM 2018

Tübinger Fußball-Ikone Wolfgang Schneck und seine Sicht der Weltmeisterschaft

Wie sieht ein erfahrener Ex-Fußballer, Trainer, Sportlehrer und Talente-Scout die Fußball-WM in Russland kurz vor deren Abschluss? Wolfgang Schneck gibt dazu eine Einschätzung.

11.07.2018

Vor ein paar Monaten war Wolfgang Schneck noch in Russland. Genauer gesagt im WM-Ort Nischni Novgorod, etwa 430 km östlich von Moskau. Der Vater seiner Lebensgefährtin lebt in Russland, und so bekam er Informationen aus erster Hand. „Für Russland war diese WM ein Segen“, so Schneck aus eigener Anschauung. Russland habe sich herausgeputzt, meint er, und vergleicht es mit der WM 2006 in Deutschland. Auch da hätten viele im Nachhinein davon profitiert, alleine schon von der neu entstandenen Infrastruktur. Vor allem aber: „Die Begeisterung bei den Menschen dort ist riesengroß.“

Sportlich betrachtet findet der Ex-Fußballer, dass die Vorrunde weit spannendere Spiele hervorgebracht habe, als beispielsweise bei den lahmen WMs 1974, 1978 oder 1986. „Das vergisst man gerne und verklärt die alten Zeiten.“ Er habe darüber mit vielen sportlichen Wegbegleitern wie dem ehemaligen SSV-Kicker Hans Rahn geredet. „Die haben das ähnlich beurteilt.“ Überhaupt findet er, dass die Anzahl von 32 Teams für den Konsumenten ein Segen sei. „Ich habe noch bei keiner WM zuvor so viele Spiele angeguckt, manchmal gab es ja drei Kicks pro Tag.“ Die Jahreszeit sei außerdem perfekt gewesen für die Durchführung des Turniers in Russland: Nicht zu heiß und nicht zu kalt.

Er findet, Taktik habe keine überragende Rolle bei der WM gespielt, alle Teams hätten auf hohem Niveau agiert. „Vor allem sah man die ermüdenden Defensivtaktiken der vergangenen WMs nicht.“ Taktisch habe sich die Welt angeglichen. „Ich war kürzlich auf einem Lehrgang in Bulgarien, da kam ich mir vor wie in Deutschland - die haben dasselbe taktische Verständnis wie wir hier oder die anderen führenden Fußballländer.“ Was er findet: Dass noch zu viele das Tikitaka-Spiel im Fokus haben. „Das ist vorbei, die Spanier haben es mit dem Ballbesitzspiel übertrieben, die Deutschen haben es teilweise übernommen und sind ebenfalls gescheitert.“

Ganz so tragisch sieht er auch das deutsche Scheitern in der Gruppe nicht. Man müsse sich bloß mal überlegen, was denn passiere, wenn Hummels in der 86. Minute den Kopfball ins Tor wuchte. „Dann sind wir weiter und spielen gegen Brasilien in der KO-Runde.“

Im Grunde habe das Dilemma bereits mit der Nominierung begonnen. Man könne das Theater mit Sane, Petersen, aber auch mit Wagner kaum nachvollziehen. „Das war unnötig.“ Und es sei unglücklich gewesen, gleich das erste Spiel gegen Mexiko zu verlieren. In der Runde habe man über 30 Spiele, wenn man da die ersten zwei, drei verzocke, sei immer noch alles drin. „Aber bei drei Gruppenspielen ...“

Was ihm ebenfalls aufgefallen sei: Viele der Teams hätten sich mit ihrem Land vollkommen identifiziert, und dadurch ihre Leistungen verbessert. „Wenn man da an die Kroaten denkt oder an die Russen - da kamen Emotionen aufs Feld, die auch manche andere Schwäche locker kompensierte.“ Und wenn dann noch der Zuschauerrückhalt da sei, könne vieles passieren.

Ein wenig habe man Russland auch den Schwarzen Peter vor der WM zugeschoben - eine WM in dem Land - unmöglich. Viele hätten geglaubt, die Russen schafften es nicht, die Stadien zu bauen. Und wenn doch, dann kämen keine Zuschauer im Riesenreich. Aber das Turnier habe gezeigt, dass die Russen großartige Gastgeber waren. Man brauche bloß an andere Turniere denken, in denen eher die Hooligans im Zentrum standen als die sportlichen Leistungen der Kicker.

Schneck guckt WMs bewusst seit der Weltmeisterschaft 1962 in Chile. Weltmeisterschaften sind häufig der Ort, an dem neue Taktiken und Raffinessen ausprobiert werden oder zum Durchbruch kommen.

„In den 1970er Jahren war noch die Jugendausbildung der Holländer das A und O. Was die Ajax Amsterdam-Teams da hinbekamen, war sensationell.“ Später dominierten die Franzosen in der Jugendarbeit, und jeder, auch die Deutschen, schauten dorthin. Schließlich habe das „deutsche Wunder“ stattgefunden und aus Rumpelfüßlern wurde ein Team, das die Fußballwelt begeisterte. „Aber jetzt muss etwas Neues kommen.“

Die Einschätzung von Mehmed Scholl, dass die Jugendausbildung hinterherhinke, teilt Schneck überhaupt nicht. Er kann das beurteilen, er ist der Juniorencoach schlechthin. Immerhin war er der Gründer der Fußballschulen für Kinder und Jugendliche. Dann trainierte er unter anderem die A-Junioren der Stuttgarter Kickers in der Bundesliga, wurde Süddeutscher Meister mit der A-Jugend Balingen und war jahrelang Jugendscout für Vereine wie zum Beispiel 1860 München. Und war stark engagiert in die Jugendausbildung im Sportleistungszentrum in Ruit.

„Die Deutschen haben tolle Strukturen im Jugendbereich aufgebaut“, berichtet Schneck. „Und das wegen ein paar verlorenen Spielen in Frage zu stellen ist falsch.“ Vor allem Oliver Bierhoff hält er für unverzichtbar im DFB. Es sei großartig, was er auf die Beine gestellt habe. Auch wenn Schneck die Quartierswahl in Russland für einen Riesenfehler hält. Und was ist mit Jogi Löw? Da sei er zu weit weg, das könne er nicht beurteilen. Er kenne Löw von früher. „Das ist ein Typ wie du und ich.“ Und wer wird Weltmeister? „England.“Werner Bauknecht

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11.07.2018, 01:00 Uhr
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