Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Nicht nur Störungen

Tübinger Pädagogen über sexuelle Gesundheit

Der TAGBLATT ANZEIGER traf sich mit den Pädagogen Gunter Neubauer und Reinhard Winter, die jeweils einen Beitrag zum jüngst erschienenen dritten deutschen Männergesundheitsbericht beigesteuert haben.

26.07.2017

Von Philipp Schmidt

Der beim Psychosozial-Verlag erschienene und von der Stiftung Männergesundheit herausgegebene Bericht beschäftigt sich mit der Sexualität von Männern.

TAGBLATT ANZEIGER:
Es ist kein Zufall, dass wir uns ausgerechnet in Tübingen über das Thema unterhalten, oder?

Reinhard Winter : Richtig. Tübingen ist im deutschsprachigen Raum ein Zentrum der Jungenforschung.

Gunter Neubauer : Wir haben bereits vor zwanzig Jahren die Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung „Kompetent, authentisch und normal?“ gemacht. In gewissem Sinn sind Ableger unserer Arbeit: der Verein Pfunzkerle, das Jungengesundheitsprojekt in Stuttgart und der Initiativkreis Männergesundheit auf Landesebene. Außerdem koordinieren wir das bundesweite Netzwerk Jungen und Männergesundheit. Hier bei uns kulminiert also, in aller Bescheidenheit, Vieles. (lacht)

Welchem Zweck dient
der Bericht?

Winter : Die Schnittstelle von Gesundheit und Sexualität wurde bislang nicht richtig behandelt. Das ist eine Leerstelle, die gefüllt werden muss. Im staatlichen Männergesundheitsbericht taucht Sexualität nicht auf, als hätten Sexualität und Gesundheit nichts miteinander zu tun. Das steht in scharfem Kontrast zur Alltagspraxis von männlichen Jugendlichen und Männern, in der Sexualität ein sehr wichtiges Thema ist.

Neubauer : Leider sind sogenannte Gesundheitsberichte meist Berichte über Krankheiten oder Störungen, die von den Defiziten her denken. Wir wollen dagegen die Gesundheitsperspektive in den Mittelpunkt stellen. Es fehlt da an Balance.

Woher stammt die Fixierung auf die negativen Seiten?

Winter : Das hat etwas mit dem Markt zu tun und betrifft übrigens beide Geschlechter gleichermaßen. Interesse hat der Markt nur da, wo es Störungen und daher etwas zu verkaufen oder zu behandeln gibt. Ähnlich ist es in der Politik. Nur wenn es Probleme gibt, beispielsweise mit sexueller Gewalt, dann werden Gelder zur Verfügung gestellt.

Neubauer : In der Definition der WHO zur sexuellen Gesundheit gibt es einen Passus, in dem auf die sexuellen Rechte abgehoben wird. Das fehlt in der staatlich geförderten Aufklärung, die vor allem Abwehrrechte vermittelt. Es kommt kaum zur Sprache, dass man als Jugendlicher ab 14 Jahren ein Recht auf Sexualität hat. Hier bietet sich schon rein rechtlich die Möglichkeit eines positiven Zugangs an.

Ihr Standpunkt zum Thema Beschneidung?

Neubauer : Ein sensibler Punkt, zu dem es im Nachklang zu dem Bericht Auseinandersetzungen gibt. Zwischen unseren beiden Kapitel, die eigentlich eine Einheit bilden, gibt es einen Einschub, der sich für Beschneidung ohne medizinische Indikation ausspricht. Das bleibt eine spannungsgeladene Debatte, weil die Argumente auf beiden Seiten stark sind. Nämlich das Recht auf körperliche Unversehrtheit versus Religionsfreiheit und Erziehungsrecht der Eltern. Meine Haltung ist, dass man unbedingt im Gespräch bleiben muss, ohne Übermorgen ein Einvernehmen zu erwarten.

Winter : Meiner persönlichen Meinung nach steht das Recht auf körperliche Unversehrtheit über den Gegenargumenten, aber ich kann akzeptieren, dass andere anders werten.

Hat Religion noch Einfluss
auf die Sexualität?

Winter : Definitiv. Beide Bereiche beziehen sich auf etwas ganz Persönliches und Intimes. Religion hat immer etwas mit Normen zu tun, Sexualität mit Grenzüberschreitendem. Hier muss vermittelt werden. Insgesamt ist aber durchaus ein deutlicher Wandel festzustellen, insofern als die christlichen Religionsgemeinschaften ihre Standpunkte abmildern.

Neubauer: Es gibt auch andere Leittheorien, vor allem die psychoanalytischen Theorien über sexuelle Entwicklung, welche die Fachliteratur dominieren. Beim Phasenverlauf nach Freud zum Beispiel besteht die Gefahr, dass ein Normalverlauf vorgegeben wird. Eine theoretische Grundlage ist nicht verkehrt, aber es fehlt ein Abgleich mit unserer heutigen Lebenswirklichkeit.

Können Sie eine konkrete Forderung, oder einen Wunsch formulieren, was sich in dem Bereich ändern sollte?

Neubauer : Plakativ ausgedrückt, das Gesunde sollte in der Sexualität mehr Anerkennung finden.

Winter (nickt zustimmend): Sowohl auf der fachlichen und politischen als auch auf individueller Ebene. Dass man das Sexuelle als etwas Gesundes betrachtet und nicht zuerst als etwas Problematisches. Dass man für sich verbuchen kann: Wenn ich Sex habe, dann tue ich etwas für meine Gesundheit.

Neubauer : Umgekehrt muss man aber auch keinen Sex haben. Es ist auch gesund, keinen Sex zu haben.

Interview: Philipp Schmidt

Zum Artikel

Erstellt:
26. Juli 2017, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
26. Juli 2017, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 26. Juli 2017, 01:00 Uhr

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.