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Brüchige Schmuckstücke

Tübinger Typografien: Ghostletters

08.05.2019

In der Neuen Straße führte Wilhelm Haendle von 1922 bis 1937 ein Zigarrengeschäft. Bilder: Barbara Honner

Ghostletters entstehen überall da, wo Lettern demontiert werden und ihre Spuren hinterlassen oder Schriftzüge verblassen, wenn sie nicht überstrichen werden. So sind sie im besten Fall noch jahrelang, einige sogar jahrzehntelang im öffentlichen Raum sichtbar. In Tübingen haben Ghostletters in der Regel keine Chance. Ladenflächen in der Altstadt sind begehrt und Ghostletters werden vom Nachmieter entfernt oder übermalt. Dennoch finden sich auch in der Altstadt zwei schöne Beispiele.

Wilhelm Haendle. Tabakwaren Groß- und Einzelhandel

Die längste Zeit war uns dieses Schmuckstück in der Neuen Straße verborgen geblieben, da die Hinweise an Wilhelm Haendles Zigarrengeschäft in den drei historischen Schaukästen überklebt waren. Vasiliki Koutsoumaraki legte sie nun nach der Eröffnung ihres Spezialitätenladens „Zum goldenen Käse“ wieder frei.

Viel wissen wir nicht über das ehemalige Tabakgeschäft. Laut Gewerbesteuerakten des Stadtarchivs Tübingen betrieb Wilhelm Haendle hier sein Geschäft von 1922 bis 1937. Für die Jahre bis zu seinem Tod 1939 fehlen die Akten. Allerdings konnte nachgewiesen werden, dass die Witwe Ida Haendle das Geschäft noch bis etwa 1943 weiterführte. Die brüchigen Lettern sind ein Stück Stadtgeschichte.

Adolf Knecht. Bandagist

Ein Stadtschrift-Kleinod befindet sich in der Mühlstraße 12. Die Aufschrift „Adolf Knecht. Bandagist“ prangt noch immer in goldenen Lettern über einem alten Schaukasten. Besonders die in geschwungener, verschnörkelter Schrift gehaltene Berufsbezeichnung dicht unter dem ebenfalls in Großbuchstaben geschriebenen Namen lässt den Betrachter nicht gleichgültig.

Adolf Knecht (I.), Mützenmachermeister und Bandagist (heute würde man Orthopädietechnik-Mechaniker sagen) eröffnete 1876 ein Geschäft in der Neckargasse und war auf Fecht- und Ballhandschuhe für die Studenten des Collegium Illustre und Schüler- und Studentenmützen spezialisiert. 1911 und 1947 führten das Geschäft die nachfolgenden Adolfs (II. und III.) weiter, seit 1902 bereits in der Mühlstraße im eigenen Haus.

Reitpeitschen, hochwertige Schals für die Damen, seidene Taschentücher und Zigarrenetuis waren noch im Sortiment, doch bereits die dritte Generation der Knechts verkaufte keine Studentenmützen mehr. Man war bei exklusiver Herrenmode angekommen, die auch der Urenkel Thomas Knecht ab 1990 auf zwei Stockwerken anbot. Im Jahr 2014 beendete er „Mode für Männer“ und somit das Familienunternehmen, um sich privaten Interessen zu widmen. Die Erinnerung an „Adolf Knecht. Bandagist“ blieb uns bis heute auf die schönste Weise erhalten. Barbara Honner

Am Freitag, 10. Mai, bietet Barbara Honner um 18 Uhr eine Führung durch die Tübinger Altstadtschriften an. Tickets gibt es nur im Vorverkauf beim Verkehrsverein an der Neckarbrücke oder online unter

www.tueticket.de/bvv.

Hier kauften die Studenten im 19. Jahrhundert ihre Mützen.

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Erstellt:
8. Mai 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
8. Mai 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 8. Mai 2019, 01:00 Uhr

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