Der Kommentar

Überflüssiger Luxus?

18.11.2020

Von Andrea Bachmann

Zwischen dem 11. und dem 13. März in diesem Frühling wurden mir fast alle Aufträge als Gästeführerin bis in den Oktober hinein storniert. Das Wort „abgesagt“ hallte wie ein chinesischer Gong in meinem Kopf. Die Saison begann und mein Terminkalender war plötzlich weiß wie Schnee.

Ich bin selbständig seit ich mein Examen habe. Da hat man gelernt, mit Saure-Gurken-Zeiten umzugehen. Aber das hier war anders. Das war der freie Fall.

Ich arrangierte mich. Pflegte Websites, schrieb Texte und nahm einfach jeden Auftrag an, den man mir anbot. Aber ich wollte nur eins: zurück auf die Straße, zu meinen Gästen. In den Hölderlinturm, in die Kunsthalle. Ich litt wie ein Junkie auf Entzug. Es war schlimmer als Liebeskummer.

Arbeitslos war ich glücklicherweise nicht. Ich kann (knapp) überleben, aber ich frage mich, wie es denen ergeht, die nicht so breit aufgestellt sind wie ich, die nicht über Jahre hinweg ein Netzwerk aufbauen konnten und die jetzt komplett im Regen stehen.

Am 9. Juni hatte ich wieder einen Auftrag. Eine Familie feierte einen Geburtstag mit einer Stadtführung in Tübingen. Die Kunsthalle öffnete, im Hölderlinturm bot der Garten genügend Abstand und donnerstags lief ich glückselig über den „Tübinger Feierabend“ und fotografierte alles, was mir vor die Linse kam. So hätte es weiter gehen können. Mit Masken und Abstand und Hygiene und viel frischer Luft.

Aber es war wohl einfacher, Gastronomie und Kultur erneut das Licht auszuknipsen. Wir sind eben entbehrlich. Eine lebendige Innenstadt, Zusammenhalt, Begegnung, kulturelle und soziale Teilhabe – überflüssiger Luxus.

Ich hoffe, dass mein Netzwerk mich auch über den Winter trägt.

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Erstellt:
18. November 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
18. November 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 18. November 2020, 01:00 Uhr

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