Mit Patentachsen und Quasten

Vier historische Leichenwagen sind im Atrium des Reutlinger Friedhofs Römerschanze zu bewundern

05.05.2021

Jürgen Senft, bei der Reutlinger Stadtverwaltung fürs Friedhofswesen zuständig, steht hier vor den vier schmucken Leichenwagen aus Mittelstadt, Betzingen, Rommelsbach und Gönningen (von links nach recht). Bild: Gabriele Böhm

Der Betzinger ist der größte und prächtigste. Daran ist nicht zu rütteln. Dafür hat der Gönninger stabile Haken, um Kranzschmuck anzuhängen. Die Rede ist von Leichenwagen, die viele Jahrzehnte in Benutzung waren und die Jürgen Senft, Abteilungsleiter Friedhof- und Bestattungswesen der Stadt Reutlingen, im Atrium des Friedhofs Römerschanze zusammengetragen und damit teilweise wohl auch gerettet hat.

Die Betzinger Trauerkutsche war wohl das letzte Mal am 1. September 1956 im Einsatz, als der Rennfahrer Hans Baltisberger zu Grabe getragen wurde. Der ganze Ort war auf den Beinen und folgte dem von zwei schwarzen Pferden gezogenen Wagen, der über die Pflastersteine klapperte. Wer sich die riesigen Kutschen heute ansieht und sich noch ein Gespann davor feststellt, erahnt sofort die eindrucksvolle Wirkung auf der letzten Reise.

Silberfarbene Rillen und Kapitelle schmücken die gedrechselten Säulen des Betzinger Wagens. Sie erheben sich über der Fläche für den Sarg und tragen den Baldachin, von dem mit silbernen Quasten und Fransen verzierte, schwarze Vorhänge herabfallen. Auch der Kutschbock ist mit solchen Stoffen verziert. Rechts und links davon sind die eisernen Halterungen für Fackeln zu sehen. Die Kutscher müssen Rechtshänder gewesen sein, denn auf der rechten Seite befindet sich die Bremse, mit der man die gewaltigen Holzräder fixieren konnte. Eine kleine Metallplakette verrät den Hersteller: Die Wagenfabrik Erhard Wendler aus Reutlingen.

Den Wagen aus Rommelsbach, in dem sogar noch ein leerer Sarg stand, entdeckte Jürgen Senft etwa 2005 in der alten Leichenhalle. „Dort war es feucht, was den Wagen bestimmt nicht besser machte“, berichtet er. Nach einem Gespräch mit dem damaligen Bezirksbürgermeister Wilhelm Brielmann war die Sache klar: Das historische Gefährt, hergestellt 1939 von Georg Eisenbeis aus Aach bei Freudenstadt und für 680 Reichsmark erworben, wurde auf die Römerschanze unter Dach gebracht. Azubis des Technischen Betriebsdienstes erneuerten die Vorhänge und den Ledersitz und strichen auch etwas Farbe über die vom Pferdegeschirr abgewetzten Stellen. Bis 1973 war der Rommelsbacher Wagen, so hat Senft recherchiert, noch in Gebrauch. Freunde historischer Technik werden sich freuen, an dem Wagen sogenannte „Patentachsen“ und „Stahl-Eliptyc-Federn“ zu entdecken, die die Fahrt für den Kutscher etwas bequemer machten.

Die beiden Wagen von Betzingen und Mittelstadt befanden sich zuerst im Reutlinger Industriemuseum. „Aber das war eher eine Verlegenheitslösung, denn mit der Industrialisierung hatten sie nichts zu tun“, so Senft. Auch diese beiden Prachtexemplare kamen in die Sammlung, immer nur leihweise, versteht sich. Wobei beim Mittelstädter Wagen die Vorhänge ersetzt und abgewetzte Stellen am Holz ausgebessert wurden.

Für den Leichenwagen von Ohmenhausen kam die Rettungsaktion leider schon zu spät. „Es war ein schöner Wagen mit geschwungenen Kotflügeln“, so der Experte, „aber er war bereits zerlegt und diente als Ersatzteillager.“

Die Gönninger richteten ihren Wagen selbst her, bevor er nach Reutlingen kam. Bezirksbürgermeisterin Christel Pahl hat schriftlich niedergelegt, was sie darüber erfahren konnte. Bis 1966 war der Leichenwagen im Einsatz, der dann bis 2011 privat untergestellt war, bevor er auf die Römerschanze kam. Hergestellt hatte ihn 1927 der Wagnermeister August Sautter in Tübingen für 980 Reichsmark. Gewünscht war eine „nicht zu schwere, elegante Form“, jederzeit sollte der Ortsvorsteher oder ein Vertreter zur Kontrolle vorbeikommen dürfen. Am 15. September 1927 wurde vertraglich der erste Leichenwagenführer, Heinrich Weiss, verpflichtet, der für jeden Dienst 6,50 Reichsmark erhielt. Dafür hatte er ein eigenes Gespann sowie die Pferdegeschirre bereit zu halten. Decken und Trauerflor stellte dagegen die Gemeinde.

1960, so berichtet Pahl weiter, wurde die Entlohnung von 15 auf 20 Deutsche Mark erhöht, da Putzen, Anspannen und Fahrt rund vier Stunden dauerten. Als 1966 die Leichenhalle am Friedhof öffnete, waren keine Trauerzüge mehr durch Gönningen erlaubt. Den Hinterbliebenen wurde freigestellt, ob sie für die Überführung der Verstorbenen den Leichenwagen oder einen privaten Bestatter nutzen wollten. Fritz Weiss soll den Wagen noch bis 1968 gefahren haben. Gabriele Böhm

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Erstellt:
5. Mai 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Mai 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Mai 2021, 01:00 Uhr

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