Neue Grenzen ausloten

Vorhut des Sonic Visions Festivals am Donnerstag im Reutlinger Kunstmuseum

Zwar muss das eigentlich für Oktober geplante Festival „Sonic Visions 2020“ aufgrund der Corona-Krise zum Teil auf nächstes Jahr verschoben werden, aber am 17. September gibt es schon mal einen Vorgeschmack – mit der Ausstellung „Gläserne Härten“ und einem Livekonzert auf der Basis von Klang- und Digital-Painting-Improvisationen in den Reutlinger Wandel-Hallen.

16.09.2020

Die beiden Sonic-Visions-Organisatoren Fried Dähn und Thomas Maos (links). Bild: Jürgen Spieß

Serielle und konkrete Kunst weist oft eine starke Verwandtschaft nicht nur zu rechnerbasierter Kunst der Gegenwart auf, sondern auch zu audiovisuellen Kompositionen zeitgenössischer Musik. Dem trägt das Festival „Sonic Visions“ Rechnung, das Musik physisch erfahrbar werden lässt und jegliche zeitliche Begrenzungen aufzulösen vermag. So kann man sich der Musik ausgeliefert fühlen, aber im besten Fall wird man eine Verbindung mit ihr eingehen, indem man sich mit allen Sinnen auf sie einlässt.

Genaues Hinhören ist also bei der interaktiven Musikreihe angesagt, die im Januar 2009 Premiere feierte und sich seitdem zu einem wichtigen Forum für experimentelle und audiovisuelle Performance entwickelt hat. Selbst vor großen Orchestern machten die beiden Organisatoren Fried Dähn und Thomas Maos in der Vergangenheit nicht Halt. Bereits sechs Mal arbeiteten sie mit der Württembergischen Philharmonie zusammen und präsentierten dabei zum Teil spektakuläre Aufführungen, die allesamt die Bezeichnung „Crossover“ verdient haben. Nun plant das Tübinger Duo, das ursprünglich für Mitte Oktober angesetzte Festival wegen Corona auf zwei Termine im Herbst dieses Jahres und im Oktober 2021 zu verteilen.

Das Sonic Visions Festival 20/21 findet erstmals unter der Schirmherrschaft des Kulturzentrums franz.K in Kooperation mit der Württembergischen Philharmonie, dem Theater Die Tonne und dem Kunstmuseum Reutlingen statt und startet am morgigen Donnerstag mit der Ausstellung „Gläserne Härten – Konkrete, generative und sonisch visionäre Kunst“ und dem Konzert des Trios DMB, das auf der Basis von Klang- und Bild-Improvisation agiert. Dabei werden digitale Bilder der Künstlerin Sascha Bank in Interaktion mit den Klangskulpturen der beiden Musiker Fried Dähn und Thomas Maos entwickelt. Annäherung, Verdichtung und Zerfall werden als Live-Kompositionen direkt erlebbar, wobei das Prozesshafte im Zusammenspiel von Klang und Bild in der Performance eine tragende Rolle spielt.

Während sich die Nürnberger Künstlerin Sascha Banck, die ihre leuchtenden Farbmutationen live mit dem I-Pad produziert und permanent verändert, zwischen Malerei, digital painting, und Installation bewegt, kombinieren die beiden Musiker und künstlerischen Leiter von Sonic Visions die elektro-akustische Klangästhetik ihrer Musik „mit der De-Konstruktion gesampelter Geräusche“. Eingebettet ist dieses Konzert im Kunstmuseum Reutlingen in ein Ausstellungsprojekt, das gleichzeitig Bühne für zahlreiche weitere multimediale Konzerte und Performances ist. Zu sehen sind in der Ausstellung „Gläserne Härten“ rund 30 Werke von 16 renommierten Künstlerinnen – das größte 66 Meter lang, das kleinste nur 30 Zentimeter breit – von denen einige eigens für die Architektur der Wandel-Hallen erschaffen wurden.

Des weiteren ist am 30. September ein Konzert mit dem Saxofon-Trio Atomox im Kunstmuseum geplant, am 10. Oktober findet eine „Sonic Visions Festival Nacht“ zwischen franz.K, Kunstmuseum Reutlingen und dem Theater Tonne statt und am 11. Oktober gibt es im Kulturzentrum franz.K eine Live-Vertonung des Stummfilms „Nosferatu“. Ein Publikumsmagnet für den Massengeschmack sieht zwar anders aus, aber die Reihe verspricht einmal mehr eine spannende Gratwanderung und eine rare Verbindung abseits der Populärkultur. Jürgen Spieß

Das Trio DMB spielt am 17. September, 21.15 Uhr, im Kunstmuseum Reutlingen.

Die Ausstellung „Gläserne Härten“ startet bereits um 18 Uhr.

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Erstellt:
16. September 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
16. September 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 16. September 2020, 01:00 Uhr

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