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Was das Alkoholsteuergesetz verändert hat
Saft statt Schnaps

Was das Alkoholsteuergesetz verändert hat

Den Kleinbrennern macht die Abschaffung des Branntweinmonopols zu schaffen, nicht die Kirschenschwemme, sagt Friedrich Schiller.

04.07.2018

Friedrich Schiller, 63, ist seit vier Jahren Kreisvorsitzender des Verbandes der Kleinbrenner. Das Amt hat er damals von Ludwig Junger aus Stockach übernommen. Die Amtszeit Schillers stand bisher ganz im Zeichen der Abschaffung des Branntweinmonopols.

Herr Schiller, bisher waren Sie Besitzer eines Brennrechts, jetzt sind Sie Steuerpflichtiger.

Das Brennrecht ist in der Familie, seit es das Branntweinmonopol gegeben hat. Das sind jetzt genau 100 Jahre. Eingeführt wurde das Brennrecht in dieser Form 1918. Der erste Besitzer war der Großvater, dann unsere Mutter und jetzt mein Bruder und ich. Es berechtigte uns, jährlich 300 Liter reinen Alkohol herzustellen, das entspricht etwa 750 Litern Branntwein. Tatsächlich sind die Brennrechte viel älter und wurden in der Familie weitergegeben. Sie waren heiß begehrt und wurden hoch gehandelt.

Seit 1. Januar ist das neue Alkoholsteuergesetz in Kraft.

Brennrechte gibt es nicht mehr. Den Staat interessiert weder die Tradition, noch der Alkohol. Ihn interessiert die Steuer. Die beträgt für Stoffbesitzer und Kleinbrenner 10,22 Euro pro Liter reinen Alkohol, bei den größeren Verschlussbrennereien sind das 13,03 Euro. Immerhin bleibt die Regelung bestehen, dass landwirtschaftliche Betriebe Brennereien betreiben dürfen. Das Gesetz zählt dazu alle Betriebe mit mehr drei Hektar Nutzfläche. Sogar Fischereibetriebe sind eingeschlossen. Auch so genannte Stoffbesitzer, die Früchte, aber keine Brennerei besitzen, dürfen brennen lassen. Vorausgesetzt ist immer, dass sie pünktlich ihre Steuer zahlen. Die Brennereien sind die wohl am strengstens überwachten Anlagen im Land.

Die wichtigste Änderung ist aber, dass man früher die Steuer als Naturalabgabe zahlen konnte. Man hat Obstbrände (nicht die aus Steinobst) an das Monopol abgeliefert. Man hatte Kosten, aber keine Ausgaben. Da blieb manchmal ganz schön was übrig.

Wie steht es um die Tradition? Gibt es Nachwuchs?

Wir sind noch 130 Brenner im Landkreis Tübingen. Für 10, die aufhören, rückt vielleicht einer nach. Ein Neuanfang ist kostenintensiv. Man braucht einen separaten Brennraum und für eine Brennanlage muss man zwischen 30000 und 50000 Euro hinlegen. Und in der eigenen Familie heißt es oft: Vater, ich schaff beim Daimler 40 Stunden in der Woche und steh jeden Tag zwei Stunden im Stau. Was soll ich mit dem Schnapsbrennen anfangen.

Was hat die Obstschwemme dieses Jahr für Auswirkungen?

Gar keine. Die Birnen bleiben liegen. Die Äpfel werden gesammelt und zu Saft verarbeitet. Most wird kaum noch nachgefragt. Die Tendenz zum Apfelsaft besteht schon seit vielen Jahren. Man kann den in den modernen Bag-in-Box-Behältern leicht und mehrere Jahre aufbewahren. Auch hier werden die Preise nachgeben.

Langfristig hat das sicher Auswirkungen auf die Streuobst-Gebiete, sie werden drunter leiden.

Was geht noch?

Die Brände aus Williams-Christ-Birnen sind gefragt. Ganz weg ist Zwetschgenwasser. Was auch noch geht ist Kirschwasser. Da zahlen die Händler immer noch 14 Euro für den Liter. Aber wenn man selber erntet, sitzt man gut einen Tag auf dem Baum, um das Material für 100 Liter Maische zu haben. Daraus gewinnt man dann etwa 5 Liter reinen Alkhohol, etwa 12 Liter Kirschwasser.

Dazu kommt, dass die großen Knorpelkirschen, die gerne gegessen werden, fürs Brennen nicht die richtige Qualität haben, nicht die richtige Ausbeute. Sie schmecken gut, sind nicht so süß, aber das Aroma fehlt beim Destillat. Wir kaufen die Brennkirschen im Schwarzwald. Die sind schwarz und klein. Und es sind Schüttelkirschen. Die werden nicht gepflückt. Man legt Planen unter die Bäume und dann wird kräftig geschüttelt. Natürlich müssen die Kirschen dann sorgfältig sortiert werden. Stiele müssen raus und angefaulte Kirschen auch.

Worin sehen Sie die Zukunft bei den Destillaten?

Eine eigene Vermarktung aufzubauen ist sehr schwierig. Wir verkaufen den überwiegenden Teil unserer Destillate an Händler. Und da sehen wir einen Chance mit sortenreinen Bränden aus alten Sorten. Bei den Äpfel brennen wir Goldparmänen oder Bohnäpfel. Bei den Birnen gibt es eine ganze Reihe vielversprechender Sorten: die Jagdbirne, die Einerbirne, die Williams-Christbirne, die Palmischbirne, die Wahl’sche und die Nägelesbirne.

Interview / Bild: Fred Keicher

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04.07.2018, 01:00 Uhr
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