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Frei und selbständig

Was eine Stadt für Behinderte tun soll und kann

Vor 10 Jahren hat die Stadt Tübingen die Barcelona-Erklärung unterschrieben. Damit verpflichtete sie sich, die Stadt barrierefrei zu gestalten. Der TAGBLATT ANZEIGER sprach mit Elvira Martin vom Tübinger Forum Inklusion.

27.11.2019

Elvira Martin arbeitet beim Forum Inklusion. Bild: Sozialforum

Was ist das Besondere an der Erklärung von Barcelona?

Die Erklärung stammt aus dem Jahr 1995. Damals fanden in Barcelona zum ersten Mal die Paralympics – also die olympischen Sportwettbewerbe für Sportlerinnen und Sportler mit Behinderung – am selben Ort wie die Olympischen Spiele statt. Da hat man sich zum ersten Mal Gedanken darüber gemacht, was behinderte Sportler eigentlich brauchen, um sich in der Stadt frei und selbstständig bewegen zu können.

Dabei ist ein völlig neuer Begriff von Behinderung entstanden, nämlich dass eine Behinderung kein eigenes, individuelles Problem ist, sondern dass die Umgebung zum Problem wird: Die Behinderung entsteht an der Barriere. Da muss dann überlegt werden, wie die Rahmenbedingungen verändert werden können, die Strukturen der Städte. Das war ein sehr kluger Ansatz. Dieser Ansatz war damals noch nicht allgemein verbreitet. Inzwischen ist das in der UN-Behindertenkonvention so verankert.

Was tut die Stadt Tübingen?

Die Barcelona-Erklärung ist eine Querschnittaufgabe, sie betrifft alle Handlungsfelder einer Stadt. Ein großer Bereich ist die „Barrierefreiheit“, da geht es vor allem ums Bauen. Der andere Bereich „Teilhabe“ betrifft vor allem Kitas, Schulen und Sport.

In Tübingen gibt es ein starkes Bewusstsein, etwas für Barrierefreiheit zu tun. Das ist viel besser als in vielen anderen Städten. Wir haben zum Beispiel beratende Mitglieder in allen vier Ausschüssen des Gemeinderats, also im Planung- und im Verwaltungsausschuss, im Ausschuss für Bildung/Soziales und in dem für Klimaschutz. Wir bekommen alle Unterlagen und haben die Möglichkeit, in den Sitzungen mitzureden. Außerdem haben wir einen engen Kontakt zur Verwaltung. Das ein sehr gutes Instrument der Beteiligung, so sind wir zum Beispiel beim Umbau Europaplatz gut vertreten.

Es gibt noch einen dritten Bereich: „Bewusstseinsbildung, Öffentlichkeitsarbeit“. Das ist bei uns leider ein bisschen vernachlässigt worden. Das versuchen wir jetzt nachzuholen, zum Beispiel mit der Veranstaltungsreihe „Zehn Jahre Erklärung von Barcelona“, die das ganze Jahr 2020 über andauern wird.

Was hat sich seit 2009 getan?

Einiges. Wir haben das auf unserer letzten Sitzung zusammengetragen: Es gibt inzwischen induktive Höranlagen in einigen großen Veranstaltungsräumen, zum Beispiel im Sparkassen Carré, im Ratssaal, in der Aula-Mensa in der Uhlandstraße, in der Volkshochschule und in einigen kleineren Sälen. Da sind wir auch richtig stolz drauf.

Bei der Kindertagesbetreuung hat sich viel getan und auch im Bereich Arbeit. Zum Beispiel, dass die Stadt selbst als Arbeitgeberin für Menschen mit Lernbehinderung auftritt.

Der Tübinger Stadtverkehr ist inzwischen barrierefrei, da kann man die Menschen mit guten Gewissen hinschicken: Niedrigflureinstieg, Haltestellenangaben mit zwei Sinnen, also hören und lesen, Symbole für die einzelnen Linien in der Zielbandanzeige. Der TüBus ist wirklich ein gutes Beispiel dafür, wie eine Stadt verantwortungsvoll mit dem Thema umgehen kann.

Was muss noch passieren?

Eine bessere Begehbarkeit der Altstadt, das wäre auch für viele alte Menschen ein großer Vorteil. Eine Vision wäre, dass der Marktplatz mal richtig gut barrierefrei wäre. Auch Treppenmarkierungen in der Stadt sind wichtig. Das ist, wie auch die jahrelange Diskussion um das Tübinger Pflaster immer wieder zeigt, deswegen so schwierig, weil es auch eine Frage der Ästhetik ist.

Was sehr schwer ist: Kino. Klar sind das private Firmen, da kann man wenig vorschreiben. Aber es ist wirklich ein Problem, dass nur wenige Säle barrierefrei zugänglich sind. Außerdem hat auch kein Kino in Tübingen eine induktive Höranlage.

Außerdem ist das Thema Arbeit wichtig: Wir brauchen Arbeitsplätze für Menschen, die weg wollen von der Werkstatt, wo sie nur wenig Geld bekommen. Da kann die Stadt zwar nicht direkt was tun, aber sie kann entsprechende Strukturen bieten und auf Arbeitgeber einwirken. Wir brauchen auch mehr Informationen in Leichter oder in Einfacher Sprache, damit alle den Textinhalt gut verstehen können.

Gibt es was, das Sie heute völlig anders sehen als vor zehn Jahren?

Eigentlich nichts: Wir haben letztlich die gleichen Forderungen wie damals.

Wenn ich etwas anders sehe, dann das Thema Geduld. Natürlich man muss kompromissbereit sein. Aber ich bin seit 30 Jahren in dem Bereich tätig und auf manches muss man wirklich unglaublich lange warten. Eigentlich hätte ich viel ungeduldiger sein sollen, auch weniger kompromissbereit. Zum Beispiel beim Tübinger Bahnhof: Wie lange das mit der Rampe gedauert hat, wie lange das mit diesen kleinen Aufzügen! Und dann das mit den unterschiedlichen Einstiegshöhen in die Züge – unglaublich, dass man immer noch, im 21. Jahrhundert, darauf angewiesen ist, dass da einer mit dem Aluminium-Hublift kommt, der von Hand betrieben wird. Und wenn so ein Ding kaputt ist – einen E-Rollstuhl in den Zug hochtragen, das geht gar nicht.

Man muss schon immer viel Geduld haben – und immer wieder bei den Verantwortlichen nachfragen und erinnern.

Fragen von Angelika Brieschke

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Erstellt:
27. November 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
27. November 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 27. November 2019, 01:00 Uhr

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