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Aus der Luft und zu Fuß (68)

Wendelsheim

06.03.2019

Von Andrea Bachmann / Bilder: Erich Sommer

Wendelsheim wurde 1180 zum ersten Mal in einer Urkunde erwähnt, es hieß damals „Winolfheim“ und gehörte den Pfalzgrafen von Tübingen. Der Ort ist aber viel älter und gehörte zu dem großen Siedlungsgebiet Sülchen, das nach der Aufgabe der römischen Provinzstadt Sumelocenna entstand und im 6. und 7. Jahrhundert von Franken aus christianisiert wurde.

Eine romanische Kapelle, die zu einem Schloss oder Herrensitz gehörte, wird 1353 zum ersten Mal erwähnt. Diese „Schlosskapelle“ ist als Chor der heutigen Pfarrkirche Sankt Katharina erhalten geblieben, die Ende des 15. Jahrhunderts gebaut wurde.

Aber erst im Jahr 1796 wurde Wendelsheim eine eigenständige Pfarrei, bis dahin gehörte der größte Teil des Ortes zur Sülchenkirche und bis 1802 wurden auch die Wendelsheimer Toten auf dem Sülchenfriedhof bestattet. Dann legte man bei der Ottilienkapelle außerhalb des Ortes einen eigenen Friedhof an.

Etwas Besonderes sind die großartigen Fresken der Kirche, mit denen der Chorraum Ende des 14. Jahrhunderts ausgemalt wurde und die erst 1958 im Rahmen einer größeren Kirchenrenovierung wieder freigelegt wurden: Auf 23 Bildern, die wie ein Comic auf drei Bildreihen verteilt sind, wird die gesamte Passionsgeschichte erzählt.

1896 zog das Wendelsheimer Rathaus auf die andere Straßenseite. Deshalb musste die Kirche um neun Meter nach Westen erweitert werden. Beides, Kirche wie Rathaus, wurde im schönsten neugotischen Kameralamtsstil erbaut, ein Heimatbuch-Chronist freute sich über diesen Aufbruch ins 20. Jahrhundert: „Das moderne Wendelsheim entsteht“.

So modern und neu die Gebäude waren, die sich die Wendelsheimer leisteten, so alt war der dafür verwendete Stein, der aus dem dorfeigenen Steinbruch am Pfaffenberg stammt.

Vor etwa 230 Millionen Jahren durchzog ein gewaltiges Flusssystem Europa von Skandinavien bis zum Urmeer Thetys im heutigen Alpenraum. Einer dieser mächtigen Flussarme zog sich dort entlang, wo später der Pfaffenberg und der Heuberg entstehen sollten. Am Boden des Flussbettes schichtete sich das Geröll der Berge aus dem Norden auf. Am Flussufer standen riesige, über zwei Meter hohe Palmfarne und Schachtelhalme, die in dem warmen und feuchten Klima bestens gediehen. Wind und Wasser trugen das tonige Material des Flussufers ab, die Farne und Schachtelhalme stürzten in den Fluss und wurden im Sandstein konserviert. Sie lassen sich noch heute als Versteinerungen im Gestein finden. Weil man zunächst annahm, dass es sich bei den Pflanzen um Schilf handelte, heißt der aufgrund seines hohen Mineraliengehaltes grüngraue Stein noch heute Schilfsandstein – wenn man nicht lieber geologisch korrekt und aktuell von der „Stuttgart-Formation“ sprechen möchte.

Noch bis zum Ende der 1960er-Jahre bauten die Wendelsheimer am Pfaffenberg diesen besonderen Schilfsandstein ab, der nicht nur wunderhübsch anzusehen ist, sondern sich auch besonders gut zum Bauen eignet. Andrea Bachmann Bilder: Erich Sommer

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Erstellt:
6. März 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
6. März 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 6. März 2019, 01:00 Uhr

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