Der Kommentar

Von Herzen dankbar

Von Fred Keicher

Wenn Sie sich krank fühlen, bleiben Sie zuhause“, steht auf dem Plakat mit den Corona-Regeln. Morgens um halb sieben steht der Patient in spe vor der Medizinischen Klinik in Tübingen. Noch mal Glück gehabt, denkt er sich. Zum Vergnügen bin ich ja nicht hier. Der linke Knöchel schmerzt. Aber das zählt wohl nicht als Krankheit. Das Herz soll einen Schrittmacher kriegen, aber es macht keine Schmerzen. Allerdings haben die Ärzte bedenkliche Gesichter gemacht und erstmal kräftig Pillen verschrieben.

Er fühlt sich gesund an diesem Morgen. Er geht nur in die Kardiologie, weil mehrere Ärzte dringend empfohlen haben, zur Unterstützung des Herzens mit einem kleinen Eingriff einen Hightech Schrittmacher einsetzen zu lassen. Morgens um halb sieben stehen die Türen der Klinik weit offen. Niemand wird angehalten und nach seinem Corona-Status gefragt.

In der Klinik ist bereits reger Betrieb. Dienstbeginn für ein paar tausend Beschäftigte des Klinikums. Er sitzt im Flur der Kardiologischen Tagesklinik. Hunderte gehen da durch. Es scheint eine Abkürzung zu sein vom Parkhaus hinüber in das Crona-Klinikum. Er schaut den Leuten nach und wundert sich, warum bei der polizeilichen Personenbeschreibung nicht auf die Unveränderlichkeit und die Einzigartigkeit des Ganges gesetzt wird. Man nimmt Fingerabdrücke. Wahrscheinlich kann man die leichter abstrahieren vom Charakter. Da ziehen sie also an ihm vorbei. Manche humpeln, hinken sogar. Trotzdem zielorientiert schleppt der Kopf die Füße. Dann aufgeregte Trippelschritte mit ticktack. O-Beine sind lautlos, aber auffällig, weil raumgreifend. X-Beine sind einfach komisch.

Die Assoziationen des Wartenden werden zunehmend menschenfeindlicher. Morgens um halb sieben herrscht der Ausnahmezustand. In tragischeren Zeiten haben gerade Kriege begonnen. Im normalen Leben tobt der Berufsverkehr oder Patienten bereiten sich auf Eingriffe vor. Und er sitzt auf einem Korridor und lenkt sich ab, in dem er den Vorübergehenden schräge Charakter andichtet.

„Wo sind die Sandsäcke? Wir haben keine Sandsäcke mehr.“ Aus dem Operationssaal kommt ein Vermummter in das Empfangszimmer. Überrascht ist der Patient keineswegs. Er ist bereits auf das Äußerste vorbereitet. Die Schlacht wird blutig. (Der Sandsack wird auf die Operationsstelle gelegt und verhindert dort einen riesigen Bluterguss.)

Drei Tage später geht er gerne nach Hause. Er fühlt sich krank. Da ist schließlich eine fast zehn Zentimeter breite Operationsnarbe unterm linken Schlüsselbein. Zwei schlaflose Nächte hinterlassen Spuren. Aber ihm wurde geholfen. Sehr kompetent, freundlich und anteilnehmend. Danke von ganzem Herzen!


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17.02.2021, 01:00 Uhr