Unland als Ökoreserve

Wer sich wie um das Straßenbegleitgrün kümmert

Die Politik entdeckt den Bereich entlang der Straßen als Gestaltungsaufgabe.

20.05.2020

Nach drei Jahrzehnten Abmagerung immer noch eine ziemlich fette Wiese: Das Straßen-Ohr an der B 27 bei Lustnau. Bild: Fred Keicher

Tübingen. Man fährt daran vorbei – wenn man Glück hat und nicht im Stau steht. Bürokratisch sperrig nennen es die Behörden „Straßenbegleitgrün“. Mindestens ist es auf jeder Straßenseite ein Streifen von 1,50 Meter Breite, der in einem Graben endet. Der soll die Entwässerung erleichtern.

Tatsächlich machen diese Flächen entlang der Straße einen erheblichen Anteil an der Landnutzung aus. Auf insgesamt 27 000 Hektar beziffert das Stuttgarter Verkehrsministerium die Fläche, die entlang der Kreis-, Landes-, Bundesstraßen und Autobahnen liegen – quer durch fruchtbare und weniger fruchtbare Äcker, durch magere und fette Wiesen, durch Täler und über Berge. Ein Vergleich macht diese unhandliche Ziffer vielleicht anschaulich. Diese Fläche ist größer als die gesamte Weinbaufläche in Baden-Württemberg mit 25 000 Hektar.

Im Landkreis Tübingen sind es etwa 110 Hektar Straßenbegleitgrün, die entlang der 360 Straßenkilometer liegen. Gepflegt werden sie vom Betriebsdienst des Straßenbauamts des Landkreises. Da sind 30 Leute beschäftigt, Leiter ist Christof Heinzelmann. „Die Vorschriften sind sehr streng geworden“, sagt er, als er von der Brücke über die B 27 aus, die Situation am Tübinger Ortsrand erklärt.

„Verkehrssicherheit hat absoluten Vorrang“, ist das Grundprinzip. Die Bäume halten deshalb Abstand zur Straße. Sie sind auch etwas seltsam unsymmetrisch beschnitten. Zur Straße hin haben sie kurze Äste, lange auf der Seite der offenen Landschaft. In vielen der Anschluss-Schleifen, die Straßenbauer nennen sie „Ohren“ sind kleine Wäldchen entstanden. Wild wird darin nicht geduldet, das könnte ein Sicherheitsrisiko darstellen. Am Lustnauer Bahnhof haben die Straßenbauer ein Feuchtbiotop gebaut, das vom von der Straße abfließenden Regenwasser gespeist wird. Sicherheit geht auch hier vor: Das Biotop ist eingezäunt, bevor das Wasser einläuft, geht es durch einen Ölabscheider.

Heinzelmanns Leute arbeiten nach einem Nutzungskonzept, das auf strengen Auflagen des Naturschutzes fußt. Das ist Standard schon bei der Planfeststellung des Straßenbaus. Trotzdem wirken die Wäldchen seltsam leblos. Es gibt keine Vögel und auch keine Insekten. Summen und brummen hört man nur an einer Böschung, wo Brennnesseln und Disteln sprießen. Unland ist dafür ein altertümlicher Ausdruck.

Die Landschaft zwischen dem Bergwäldchen im Zwickel zwischen B 27 und B 28 gegenüber dem Französischen Viertel und dem Feuchtbiotop beim Bahnhof ist vielgestaltig. Es gibt eine landwirtschaftlich genutzte Fläche und eine grüne Wiese. Die ist fast ein Hektar groß und seit Jahrzehnten nichts als grün. Heinzelmann klärt auf: „Da soll eine Magerwiese entstehen. Der Boden soll ausgemagert werden. Das dauert halt.“ Die Wiese wird mehrmals im Jahr gemäht und das Gras wird abgefahren. Dieses Jahr blühte sie im schönsten Löwenzahngelb. Das ist eigentlich ein Zeichen für Überdüngung. Fred Keicher

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Erstellt:
20. Mai 2020, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
20. Mai 2020, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 20. Mai 2020, 01:00 Uhr

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