Das Corona-Sport-Tagebuch

Wie die Corona-Pandemie den Amateursport zwei Jahre zum Erliegen brachte

Frank Wachendorfer, 1. Vorstand des SV Wurmlingen, stellte chronologisch zusammen, was seit dem ersten Auftreten von Covid-19 mit dem SVW und all den anderen Sportvereinen in Deutschland passiert ist. Das Ergebnis ist niederschmetternd.

05.01.2022

Darauf müssen die Wurmlinger (in grün) noch eine Weile warten - richtig kicken. Bild: Ulmer

Der erste nachgewiesene Fall des Virus in Baden-Württemberg stammt vom 25. 2. 2020. Und am 10. März hat mit Sachsen auch das letzte Bundesland „seinen“ Coronafall. „Klar, dass man da noch nichts Schlimmes dachte“, sagt Wachendorfer im Rückblick.

Es war der März 2020, der dann alle Grundlagen der Gesellschaft nachhaltig veränderte. Und den Sport. Wer erinnert sich nicht an die Hamsterkäufe in den Supermärkten, als die Kunden beladen mit Klopapier und Desinfektionsmitteln zu ihren Autos wankten. Bereits am 8. März gerät der Sport in den Blickpunkt der Pandemiebekämpfer in Berlin. Zwar sagt DFL-Geschäftsführer Seifert, eine Spielpause in der Bundesliga sei illusorisch, doch schon einen Tag später findet für lange Zeit das letzte Zweitligaspiel mit Zuschauern statt: VfB Stuttgart gegen Bielefeld vor 51.000 Zuschauern. Und weitere zwei Tage später, am 11. 3., gab es das erste Geisterspiel ohne Zuschauer, Gladbach – Köln.

Die neue Situation hat auch Folgen für den SV Wurmlingen: Er sagt die Jahreshauptversammlung ab. Doch das ist erst der Auftakt, denn am 16. 3. ist alles vorbei: Schließung aller Sportstätten, der Vereins- und Breitensport kommt völlig zum Erliegen. Dann wird die Fußball-EM um ein Jahr verschoben und ab 22. 3. dürfen sich nicht mehr als zwei Menschen treffen. Kneipen, Gaststätten Friseure – alles dicht. Und am 24. 3. werden auch die Olympischen Spiele verschoben. Ein Solidarfonds der Stiftung des deutschen Sports wird eingerichtet, um die 90 000 Vereine zu unterstützen. Gerade mal eine Million Euro umfasst der Fonds – ein Witz.

Der SVW muss mit einem weiteren Problem klarkommen: Der Verein wollte das 100-Jährige 2020 feiern – und muss es jetzt absagen. „Ein Hundertjähriges – das ist schon bitter“, klagt der 1. Vorsitzende. Übrigens konnte das Fest bis heute, also 2022, nicht nachgefeiert werden.

Weitere Veranstaltungen müssen die Wurmlinger absagen: Dorfturnier, den Pfaffenbergpokal und das Festspiel gegen die Stuttgarter Kickers. Was besonders tragisch ist: „Für Firmen, Arbeitnehmer und Gastronomie werden milliardenschwere Hilfen bereit gestellt, kein Wort über die Vereine“, betont Wachendorfer.

Was jetzt dazu kommt: Die Maskenpflicht wird eingeführt. Und ab dem 16. Mai spielt die Bundesliga wieder ihre Geisterspiele, der Amateurfußball bleibt außen vor. Sie dürfen Geisterspiele im TV gucken, aber selbst auf den Ball kloppen ist verboten. Besonders bitter ist das für die Jugendmannschaften – den Vereinen rennen die Talente davon. Doch ab dem 20. Mai durfte dann im Freien wieder gesportelt werden, unter extremen Hygienemaßnahmen allerdings, und die Hallen blieben zu.

Doch im Juni/Juli werden die Sportplätze wieder langsam geöffnet, sogar das Wurmlinger Sportheim öffnet donnerstags wieder. Im Mittelpunkt allerdings die Bundesliga, bei der die Spieler alles dürfen wie vor Corona, während Jugendmannschaften ohne Körperkontakt trainieren müssen – ein Unding. Und weil Planbarkeit unter Corona nicht möglich ist, sagt der SVW alle Veranstaltungen für den Rest des Jahres ab. Der WFV beendet dann die Saison, die eh seit März ausgesetzt war, Aufsteiger gibt es nach Quote, Absteiger keine. Resultat: Mammutligen, völlig aufgebläht. Und jede Menge Unzufriedenheit.

Der Fußballbetrieb sollte im August 2020 wieder aufgenommen werden, im Juli sollten die Vereine umfangreiche Hygienekonzepte vorlegen. Die übrigens auch mächtig ins Geld gingen, für manche kleinen Vereine ging es da ans Eingemachte.

Schon im August stiegen die Neuinfektionen an. Skurriler Höhepunkt neuer Regeln: Wer einen Schiri absichtlich anhustet, bekommt die Rote Karte. Dabei ist es höchst erstaunlich, in welchem Ausmaß die Politik den Sport, vor allem den Amateursport, ignorierte. Einer der negativen Höhepunkte an leeren Worthülsen kam am 9. Oktober vom DOSB: „Setzen Sie auf die Fähigkeiten des Sports, sich selbst zu organisieren um die Fähigkeit zur Selbsthilfe zu stärken.“ Dazu Wachendorfer: „Das heißt nichts anderes als Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott.“

Dabei hatte der SVW am 30. August sein erstes Kreisliga A-Saisonspiel vor Zuschauern gegen Gomaringen mit 5:4 gewonnen. Während die Bundesliga ein paar Spieltage mit Zuschauern spielen durfte, war damit schnell wieder Schluss. Aber auch die Amateurvereine wie der SVW durften keine Zuschauer mehr zulassen. Ihr erstes Geisterspiel verlor der SVW gegen Talheim/Öschingen – und das Sportheim war auch wieder dicht, und das blieb die nächsten Monate so. Klar, wozu brauchte man ein Sportheim, wenn am 30. 10. der Spielbetrieb bereits wieder abgebrochen wurde. Also wieder keinerlei Einkünfte für Amateure, aber auch nicht für die Profi-Fußball-Ligen. Doch dem Profisport werden Corona-Finanzhilfen gezahlt, vom Amateursport kein Wort.

Ab dem 2. 11. kam der nächste Teil-Lockdown, der sogenannte Wellenbrecher. Im Nachhinein ein Reinfall. Das wurde erkannt, es kam zu einem verschärften Lockdown. Auch die Schulen waren wieder betroffen, die Kinder gingen früher in die Weihnachtsferien.

Überhaupt waren es die Kinder, die letzten Endes fast am meisten unter den Maßnahmen leiden mussten. Zum einen kam es zum Homeschooling – über Monate. Bildung war unter den Umständen im gewohnten Rahmen kaum möglich. Aber auch der Sport wurde den Kindern und Jugendlichen genommen. Die Politik war immer schnell dabei, wenn es darum ging, Jugendabteilungen dicht zu machen, Saisons abzubrechen, die Kinder aus dem Sportgelände auszusperren. „Dabei soll ja gerade der Sport an der freien Luft den Kindern helfen, ein Immunsystem aufzubauen“, bemerkt da Wachendorfer.

Doch der Jugendsport hat keine Lobby, in der Politik kommt er nicht vor. Da hilft auch ein offener Brief am 2. 3. 2021 an die Politik nicht viel, in dem Öffnungen für den Vereinssport und seine 28 Millionen Mitglieder gefordert wird. Allerdings gibt es seit 26. 12. 2020 etwas, das man für den Game-Changer hielt: Es konnte geimpft werden, die ersten Vakzine waren auch in Deutschland zugelassen. Aber zunächst wurden die unsäglichen Corona-Maßnahmen erneut bis Mitte Februar verlängert.

Ein ganzes Land wirkt wie erstarrt. Als Kanzleramtsminister Helge Braun verkündet, wenn man bis Jahresmitte jedem ein Impfangebot machen könne, sei die Pandemie so gut wie vorbei, kommt Euphorie auf. Heute weiß man, dass das eine hohle Versprechung war. Dafür kamen am 8. 3. 2021 die ersten Lockerungen für den Sport nach monatelangem Lockdown. Kontaktfreier Sport sei möglich im Freien, mit maximal 10 Personen. Vom DFB dazu, wie immer: Nichts. Aber am 28. 3. ist wieder alles vorbei: Sportverbot. Der WFV bricht die Saison erneut ab und annulliert sie. Professor Ingo Froböse, Leiter des Zentrums für Gesundheit durch Sport und Bewegung an der Sporthochschule Köln, kommentiert: „Wir produzieren gerade die Kranken der Zukunft.“ Weil Kinder und Jugendliche zu wenig Sport treiben (dürfen). Es herrsche ein flächendeckender Bewegungsmangel. Nach den neuen Regeln im Bundesinzidenzgesetz wird erst – wieder einmal – kein Kindersport stattfinden.

Über ein Förderprogramm von einer Milliarde Euro sollen Lernverluste in Schulen aufgeholt werden, von Schul- und Vereinssport keine Rede. Doch ab 21. 5. ist dann Sport wieder möglich – aber keiner blickt mehr durch, wer was wann darf und unter welchen Hygienebedingungen. Alles wechselt täglich. Es darf dann wieder Sport getrieben werden, aber keiner weiß, wie. „Es gab 31 Änderungen, Berichtigungen in 14 Tagen“, klagt Wachendorfer, „da machten wir es so, wie es am praktikabelsten ist.“

Die EM fand statt, das Finale sogar im ausverkauften Wembley-Stadion in London – und keine Tausenden Toten waren deshalb zu beklagen, wie Lauterbach prophezeit hatte. Und der SVW wurde wieder aktiv: Das Pfaffenbergturnier am 28. 7. wurde ausgerichtet. Und auch die Saison 2021/23 startete am 29. 8. mit einem Sieg gegen die TSG Tübingen II. Eine Weile durften die Kicker auch wieder spielen – dann kam der nächste Saisonstillstand. Zu Silvester 2021 jedenfalls gab es immer noch keinen Vereinssport. Werner Bauknecht

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Erstellt:
5. Januar 2022, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
5. Januar 2022, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 5. Januar 2022, 01:00 Uhr

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