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Heilwissen aus Japan

Zwischen Lifestyle-Hype und bewusstem Abschalten

Taugt Waldbaden oder, wie die Japaner es nennen, „Shinrin Yoku“ auch als Trend für Schwaben?

21.08.2019

Waldbaden bedeutet, mit allen Sinnen Kraft zu schöpfen. Das ist beispielsweise auch im Schönbuch möglich. Bild: Arndt Spieth

Seit einiger Zeit ist „Waldbaden“ ein beliebtes Thema in Reportagen und Magazinen. Mehr und mehr Menschen streifen durch die Wälder, scheinbar planlos, ohne konkrete Wanderziele anzusteuern. Es werden „Kur- und Heilwälder“ ausgewiesen und Schilder wie „Waldbadepfad“ führen Interessierte auf schmale, sich hin und her windende Wege, zwischen Bäume, Moosteppiche und murmelnde Waldbäche.

Das zur Charité gehörende Immanuel-Krankenhaus plant einen Waldbadepfad direkt am Berliner Wannsee, und manche Landesgartenschauen haben Waldbaden in ihr Tagesprogramm aufgenommen. Was ist da los und wie kam es dazu? Die Sache klingt wie eine Marketingstrategie von Tourismusmanagern, doch es scheint mehr dahinterzustecken.

Die Anfänge finden wir in Japan, wo Shinrin Yoku („im Wald baden“) seit 1982 praktiziert wird. Mit fast 40 Millionen Einwohnern ist Tokio die größte Metropolregion der Welt. Die Bebauung ist extrem verdichtet und viele Menschen leben abseits jeglicher Natur, was offensichtlich auch gesundheitliche Probleme verursacht. Daher förderte das japanische Landwirtschaftsministerium Anfang der 1980er ein millionenschweres Forschungsprogramm, um die medizinische Wirkung des Waldbadens nachzuweisen.

Die neue Naturbewegung Shinrin Yoku war geboren. Bald eröffnete das erste japanische Zentrum für „Waldtherapie“, und japanische Universitäten bieten inzwischen eine fachärztliche Spezialisierung in „Waldmedizin“ an. Bis zu fünf Millionen Japaner nutzen jedes Jahr die angelegten Wege des Nationalen Erholungswaldes von Akasawa. Südkorea griff die Idee rasch auf und schuf um seine Städte „Forest Bath Parks“. In den nördlichen Hügelketten entstanden fünf große Natural Recreation Forests.

Auch in vielen anderen Regionen auf unserer Erde erfreut sich das „forest bathing“ zunehmender Beliebtheit. Etliche Studien japanischer Forscher liefern Belege dafür, dass die Waldluft mit den von den Bäumen abgegebenen Aromastoffen heilsam auf Körper und Seele wirkt und internationale Studien zum Thema „forest bathing“ zeigten, dass Walderlebnisse die psychische Stimmung aufhellen, Stress reduzieren, den Blutdruck senken und die Schlafqualität verbessern.

Die Sinne schärfen

Waldbaden sollte man nicht mit dem üblichen Wandern im Wald verwechseln, wo man sich vielleicht nebenher noch über die nervige Kollegin oder die fällige Steuererklärung unterhält. Denn Waldbaden ist achtsames Gehen durch den Wald, wobei man alle Naturelemente wie die würzig riechende Luft, das Säuseln der Blätter im Wind, das Plätschern eines Baches, das Zwitschern der Vögel und den federnden Untergrund von Moos- und Wurzelpfaden auf sich wirken lässt.

Ruhe und langsames Gehen sind absolut wichtig, auch um keine Wildtiere zu beunruhigen. Es gibt inzwischen ausgebildete Frauen und Männer für Waldbadekurse - „Waldbademeister“, die Gruppen auf schmalen Pfaden durch die Wälder führen. Die Kursteilnehmer dieser Workshops tasten, sehen, riechen und schmecken dabei den Wald intensiv, berühren die Bäume, streicheln über Moose, heben Steine oder Äste, manche sind dabei barfuß unterwegs.

Schon der eher rational eingestellte und politisch sehr engagierte Kurt Tucholsky liebte den Wald und wusste um seine heilsame Wirkung. Über einen alten Baum schrieb der Berliner Journalist und Schriftsteller: „Er beruhigt. Er erinnert. Er setzt das sinnlos heraufgeschraubte Tempo herab, mit dem man unter großem Geklapper am Ort bleibt.“Arndt Spieth

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Erstellt:
21. August 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
21. August 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 21. August 2019, 01:00 Uhr

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