Der Kommentar

Artigkeit zu Weihnachten hin

01.12.2021

Von Martina Fischer

Dem heutigen Adventskalender gingen vielerlei Formen des vorweihnachtlichen Zeitmessens voraus. Sie entsprangen klösterlichen Schulen und wurden von dort in die Familien getragen. Im Mittelalter mussten die Kinder ihre guten und bösen Taten in Holzleisten, so genannte „Zähl- oder Kerbhölzer“ einritzen. Diese wurden dann dem Nikolaus vorgelegt, damit dieser anhand des „Klausenholzes“ belohnen oder bestrafen konnte.

Ursprünglich war das Kerbholz ein längsgespaltener Holzstab, in dessen beide Hälften Einschnitte zur Zählung von Schulden, Leistungen oder Zeitangaben eingeschnitzt wurden. Die Inhaber der Hälften kontrollierten die Richtigkeit der Kerben durch Aneinanderfügen. Das Kerbholz war im Rechtsleben des Mittelalters üblich und diente als Buchführung. Daran erinnert noch unsere heutige Redewendung „etwas auf dem Kerbholz haben“, wenn man etwas Unrechtes getan hat.

Später traten an Stelle der Kerbhölzer Kreidestriche, die man im Advent an der Türe anbrachte, oder so genannte „Klausenbüchle“, kleine Heftchen, in die man die verrichteten Gebete und andere löbliche Taten wie Wasser tragen oder Holz holen eintragen konnte. Es gab aber auch „Adventskerzen“, auf denen die 24 Tage durch Bemalung wie auf einer Messlatte markiert waren und jeden Tag ein Strich dieser Kerze abgebrannt wurde.

In den Bereich des Krippenbrauchtums reicht ein weiterer Zählbrauch: Die Kinder durften beim „Strohhalmstecken“ als Zeichen ihres Wohlverhaltens einen Strohhalm in die Krippe legen, bis das Jesulein am Heiligen Abend weich gebettet liegen konnte. Wenn die Verhaltensregeln der Erwachsenen aber nicht befolgt wurden, konnte einen schon das schlechte Gewissen plagen, weil dann das Christkindle hart in der Krippe liegen musste. Diese „Zeitmesshilfen“ für Kinder waren also auch erzieherisches Mittel. Der Gedanke des Adventskalenders zielte nämlich im Wesentlichen darauf ab, das Wohlverhalten der Kinder zu steuern und ihre Artigkeit gegen Weihnachten hin stetig zu steigern.

Der erste gedruckte Adventskalender erschien im Jahre 1908 in einem Münchner Verlag. Der Künstler und Verleger Gerhard Lang ließ auf 24 Kärtchen in bunten Bildern erzählen, was das Christkind, der Nikolaus und die Engel vor Weihnachten noch alles zu erledigen hatten. Den Kalender mit 24 Türchen soll dann ein evangelischer Pfarrer um 1920 erfunden haben, der hinter den geschlossenen Türen Motive aus biblischen Geschichten verbarg.

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Erstellt:
1. Dezember 2021, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Dezember 2021, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Dezember 2021, 01:00 Uhr

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